Die Entscheidung ist glasklar: Die Ortschaftsräte sowie Einwohner aus Langenstein wollen mit allen Mitteln um ihr Freibad kämpfen. Notfalls sind Einwohner auch bereit, im Rahmen ihrer Möglichkeiten freiwillig mitzuhelfen, um so die Betriebskosten zu minimieren. Einstimmig votierten die Räte dafür, das Sommerbad fortzuführen und auch in diesem Jahr zu öffnen. Ein Votum, das nun in die Ausschüsse und den Stadtrat Halberstadt geht. Wie dort entschieden wird und was die Aufsichtsbehörden dazu sagen, bleibt freilich abzuwarten.

Halberstadt/Langenstein. Die Aussichten für das Freibad in Langenstein sind in diesen heiteren Frühlingstagen alles andere als sonnig: Die 100-prozent städtische Holding Nosa GmbH will das Freibad einschließlich der Betriebsführung nicht übernehmen. Die Stadt wiederum wird diesen Part aufgrund ihrer finanziellen Misere wohl kaum stemmen können. Aussagen, mit denen Dieter Krone als für die Ortsteile verantwortlicher Mitarbeiter der Stadtverwaltung Halberstadt, das jüngst auch von der Volkstimme skizzierte Dilemma (die Volksstimme berichtete am 18. März) rund um das Sommerbad nun auch im Ortschaftsrat Langenstein vollumfänglich bestätigt hat: Die Aussichten, dass das idyllisch gelegene Freibad im jungen Halberstädter Ortsteil auch in diesem Jahr zum Besuch einlädt, sind gegenwärtig mehr als düster. Auch, weil im vorigen Jahr 50 000 Euro Verlust zu verbuchen waren.

Ein Szenario, das nicht nur die Ortschaftsräte um jeden Preis verhindern möchten, sondern dass auch die Einwohner der Gemeinde keineswegs einfach so hinnehmen wollen, wie in der überaus gut besuchten Ratssitzung deutlich wurde. Schätzungsweise weit mehr als 50 Einwohner unterstrichen allein mit ihrer Anwesenheit, wie wichtig ihnen das Schicksal und der Erhalt "ihres" Sommerbades ist.

Das Freibad im Maiwinkel sei nicht nur wunderschön und toll gelegen, sondern eine Attraktion für den Ort und damit letztlich für die Stadt Halberstadt, die es unbedingt zu erhalten gelte, so der Tenor vieler Wortmeldungen. Schließlich kämen im Sommer viele Gäste aus der ganzen Region und insbesondere aus dem nahen Halberstadt. Denn dort, so der Einwurf, gebe es zwar das Sealand und den Halberstädter See, aber eben kein mit dem Langensteiner Sommerbad vergleichbares Freibad.

"Unser Sommerbad ist das Resultat von freiwilligen Arbeitsstunden vieler Langensteiner Bürger"

Argumente, Fakten und Meinungen, in denen augenscheinlich absolute Einigkeit besteht zwischen Langensteiner Einwohnern auf der einen Seite und den Ortschaftsräten auf der anderen. Ortschaftsrat Werner Fricke erinnerte an seine persönlichen Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr. Er sei oft im Bad gewesen und habe beobachtet, dass die Bewohner des Cecilienstiftes Halberstadt und aus den Langensteiner Einrichtungen praktisch täglich im Freibad waren und große Freude hatten. Zudem sei das Planschbecken für Kleinkinder nicht nur ideal, sondern auch wesentlich sicherer als die Möglichkeiten am Halberstädter See. "Für mich ist es eine absolute Diskrepanz, wenn wir über die Erklärung von Barcelona und damit über mehr Behindertenfreundlichkeit reden und zugleich behinderten Menschen die Möglichkeit nehmen, in Langenstein baden zu gehen", brachte Werner Fricke seine Kritik gestern noch einmal auf den Punkt.

Unverständnis, Kopfschütteln und Empörung auch bei seinem Amtskollegen Siegfried Schwalbe: Der 71-jährige Ortschronist erinnerte in der Ratssitzung daran, dass das Bad mehr sei als nur ein Freibad: "Unser Sommerbad ist das Resultat von freiwilligen Arbeitsstunden vieler Langensteiner Bürger, die Anfang der 1970er Jahre selbst mit anpackten, um sich ihr Bad zu bauen." Folglich rufe das Thema nicht nur die Einwohner auf den Plan, sondern brenne auch den Langensteiner Ortschaftsräten auf den Nägeln, betonte Schwalbe.

Heftige Kritik übt der Ortschronist in diesem Zusammenhang auch an den Verantwortlichen der Stadtverwaltung Halberstadt. Diese hätten - trotz mehrfacher Anfragen im Ortschaftsrat - viel zu lange auf Fakten und Zahlen warten lassen. "Es ist bedauerlich, dass erst nach einem halben Jahr eine solche Sitzung anberaumt wird und der Ortschaftsrat wichtige Informationen aus der Zeitung erfährt", machte Schwalbe gestern seinem Ärger Luft. "Man hätte diese Informationen schon viel früher im Ortschaftsrat diskutieren können und müssen. Schließlich weiß man unmittelbar nach Abschluss einer Badesaison im Herbst, wie die Bilanz ausfällt." Jetzt sei praktisch Ende März und mit Blick auf die Sommersaison alles vollkommen offen.

Für Ortschaftsrat Jürgen Meenken hat das Sommerbad indes nicht nur wegen des damaligen Bürgerengagements eine hohe Bedeutung, sondern auch wegen der demografischen Entwicklung: "Wie will ich junge Leute in der Region und letztlich im Dorf halten, wenn immer mehr den Bach runtergeht", fragt er rhetorisch. Und: "Warum sollen wir über Wander- und Radwege zwischen Langenstein und Halberstadt reden, wenn zugleich ein ganz wesentlicher Anziehungspunkt in Langenstein wegfällt?"

Dem Landwirt liegt es jedoch ebenso wie Ratskollegen und Einwohnern fern, sich allein in Kritik zu üben. So hat Jürgen Meenken in der Ratssitzung am Dienstagabend auch noch einmal sein Angebot erneuert, mit dem sich die Attraktivität des Bades weiter steigern ließe: Meenken ist bereit, im Sommer Wärme aus seiner Biogas-Anlage ans Freibad abzugeben - kostenlos, wie er betont.

"Ich habe im Sommer überschüssige Wärme, die ich mangels Verwendung wegkühlen und an die Umwelt abgeben muss. Mit diesen 90 Kilowatt könnte im Freibad das Wasser angewärmt werden." Mit klaren Pluspunkten in Sachen Attraktivität: Wärmeres Wasser, mehr Komfort und womöglich auch eine längere Saison.

Einziger Problempunkt: Von Meenkens Milchhof müsste eine schätzungsweise 900 Meter lange Leitung zum Freibad gebaut werden, um die Wärme dorthin zu führen. "Hier müsste die Stadt investieren", macht Meenken klar, signalisiert jedoch auch hier Entgegenkommen und Kooperation: "Sicherlich wäre vieles auch in Eigenleistung möglich."

Eigenleistung war auch ein Stichwort in der Einwohnerfragestunde: Mehrfach signalisierten Langensteiner, dass sie auch bereit wären, persönlich mit anzupacken, um die Kosten des Badbetriebs zugunsten der leeren Stadtkasse zu minimieren. "Arbeitsstunden, ganz so wie damals beim Bau, wurden angesprochen", sagt Siegfried Schwalbe. Zudem sei es ja schon jetzt so, dass beispielsweise die Kameraden der Feuerwehr vor dem Saisonstart das Becken säubern.

"Ich habe im Sommer überschüssige Wärme, mit der das Wasser angewärmt werden kann"

Unterm Strich gab es klare Bekenntnisse von Bürgern wie Ortschaftsräten zum Bad und ein einstimmiges Ratsvotum, wonach Ortsbürgermeisterin Ursula Kirste einen Antrag auf Fortbestand und Saisonbetrieb im Halberstädter Stadtrat einbringen soll.

Die Langensteiner sind augenscheinlich wild entschlossen, mit allen Mitteln für den Erhalt ihres Freibades zu kämpfen und dabei auch eigene Ideen und Tatkraft einzubringen. So gab es aus der Einwohnerschaft auch bereits die Anfrage, ob die Stadt das Freibad für einen symbolischen Preis abgeben würde, um beispielsweise einem anderen Träger oder Verein den Betrieb zu ermöglichen. Dies soll dem Vernehmen nach nun im Rathaus geprüft werden.

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