Das 4. Osterwiecker Oldie-Meeting war der erwartete Besuchermagnet. Ein ständiges Kommen und Gehen, auch ein Kommen und Fahren herrschte am Stadtrand auf dem Ausstellungsgelände von Familie Feuerstack, das zeitweise an seine Kapazitätsgrenze kam.

Osterwieck. Autofahren kann heute doch so schön unkompliziert und luxuriös sein. Es gibt Automatikgetriebe, Klimaautomatik, samtweiche Federungen, die Spritverbräuche sind minimal, alle zwei Jahre zur Durchsicht in die Werkstatt. Doch diese Argumente der Moderne ziehen bei Oldtimerfreunden nicht. Sie sehnen sich nach dem ursprünglichen Autofahren, auch wenn das mit Mühen und Entbehrungen verbunden ist.

Zumindest einer der ältesten Pkw des Wochenendes in Osterwieck war der Pontiac Big Six Convertible, ein Ami-Schlitten von 1931. Horst J. Naymowa kam darin mit Ehefrau Dorothee aus Salzgitter in die Ilsestadt. Das 80 Jahre alte Auto der oberen Mittelklasse steht nicht nur in der Garage, etwa 8000 Kilometer im Jahr wird es vom Besitzer noch bewegt. Nur 52 PS, dafür vier Liter Hubraum sorgen dafür, dass der Wagen selbst die Harzberge im dritten, seinem höchsten, Gang bezwingt. Zum Schalten ist aber Zwischengas nötig. 35 Jahre stand das gute Stück in einem privaten Museum in Dänemark, bevor es der Salzgitteraner erstand. Die jährlichen großen Durchsichten überlässt er Fachleuten, Kleineres macht er selbst. Dazu gehört das Schmieren, das laut Bordbuch aus dem Jahr 1928 täglich erfolgen muss. Und mit Begeisterung schlug er darin die Seite mit dem elektrischen Schaltplan des Oldtimers auf. So übersichtlich, dass den wohl sogar ein Schüler verstehen würde. Wenn man da an die heutigen Autos denkt ...

Am Bulldog noch Schlosser gelernt

Eine Werkstatt braucht Friedrich Kiesel aus Seehausen (Bördekreis) mit seinem Traktor nicht aufzusuchen. "Ich bin kein Laie, sondern vorbelastet", sagte er selbstbewusst, nachdem er seinen Ursus Bulldog mit einer sogenannten Glühkopfvorführung, einer zehnminütigen Zeremonie vor zahlreichen Publikum, angeworfen hat. Kiesel kennt diesen Trecker Baujahr 1949 aus dem Effeff. Er lernte einst Traktorenschlosser, eben noch an diesen Bulldogs und ist diese schon früher gefahren.

Zweieinhalb Stunden Fahrzeit nahm er auf sich, um seinen Trecker in Osterwieck zu präsentieren. "Weil es mir hier gefällt." Es ist ein reines Ausstellungsstück. Fünf Liter Sprit verbraucht der Ursus auf der Landstraße - auf zehn Kilometer. Auch deshalb lässt der Besitzer ihn über die Woche in Osterwieck, bevor es zu Ostern zur nächsten großen Schau ins benachbarte Schladen geht. Herbert Barner rast in seinem Heimatdorf Stötterlingen in jedem Jahr als Aktiver beim Seifenkistenrennen durch das Dorf. Aber er kann auch langsam und motorisiert - mit seinem Traktor. Sonnabendmorgen war er damit noch zu Hause unterwegs, am Nachmittag präsentierte er ihn fürs Publikum im weitläufigen Grün des Ausstellungsgeländes.

Auch Günter Hille stellte seinen Traktor der Marke Primus nicht nur aus, sondern nutzt ihn daheim. 22 PS hat das gute Stück von 1939. Bevor der Motor läuft, braucht der Fahrer aber Zeit und Kraft. Erst eine Lunte reinstecken, dann mit einer Hand eine Kurbel drehen und mit der anderen Hand gleichzeitig einen Dekompressionshebel drücken. "Zehn Minuten sind dann vorbei", erklärte der Osterwiecker.

In einer Ecke im Grünen gemütlich gemacht hatte es sich Andreas Thilo aus Langelsheim. Seinen Wohnwagen abgesichert mit DDR-Grenzpfählen und dem Schild "Halt Staatsgrenze! Passieren verboten!" Doch "Grenzverletzern" passierte nichts, sie waren herzlich willkommen. Der Niedersachse ist eigentlich ein Sachse. 1989 zum Grundwehrdienst eingezogen, erlebte er das Ende der NVA aktiv mit. Die Armeesachen nahm er mit nach Hause. Auf den Geschmack kam er sechs Jahre später, als sein Bruder einen Trabant-Kübel erstand. Nun ist es sein Hobby, an vielen Wochenenden im Jahr mit 26 PS und einem Wohnwagen zu Ausstellungen zu fahren. Und die Show beginnt meist schon unterwegs auf der Straße dorthin, wenn das Armeegespann trotz Tarnfarbe auffällig unterwegs ist. In Osterwieck war Thilo bereits zum dritten Mal. Ihm gefällt dort die familiäre Atmosphäre. "Bis zum nächsten Jahr", kündigte er sein Wiederkommen schon mal an.

Ein anderes NVA-Fahrzeug - ein Tatra und damit von der Größe das ganze Gegenteil vom Trabant-Kübel - wurde von Veranstalter Christian Feuerstack zum schönsten Auto des Sonnabends gekürt. Aus Hötensleben kam darin Tino Gertz nach Osterwieck. Diesen NVA-Schlepper hatte er nicht etwa im Osten, sondern ausgerechnet im erzkonservativen München erstanden. Ab und zu unterstützt er bzw. eine Interessengemeinschaft mit der alten NVA-Technik auch das Grenzmuseum in Hötensleben. Die technischen Daten des Tatras hören sich gewaltig an: 17,6 Liter Hubraum, 260 Pferdestärken. Aber auch die Kosten sind gewaltig bei 45 Litern Sprit pro 100 Kilometer.

Für das schönste Motorrad wurde Axel Müller aus Bad Harzburg geehrt. Es handelt sich um die Marke Nimbus. Nicht Harry Potters Rennbesen Nimbus 2000, ein Modell der dänischen Motorrad-Marke, Baujahr 1937 - und damit zwei Jahre älter als der Fahrer.

Ein junger Generalmajor

Richtige Schätze wurden den Besuchern also präsentiert. Und das alles bestens abgesichert durch die "Genossen der DDR-Volkspolizei". Mit Jan-Robert Miehe aus Oschersleben war sogar ein Generalmajor darunter, ein recht junger noch dazu - Kleider machen eben doch nicht Leute. Das Kommando hatte nämlich Michael Biethahn als Hauptwachtmeister. Er war als einziger der Gruppe wirklich ein aktiver Freund und Helfer. Seinen Dienstgrad trug der Schlanstedter, als er 1992 nach vier Jahren aus dem Polizeidienst ausschied. Mit dem Motorrad MZ ETZ 250, Baujahr 1988 sowie zwei Wartburg-Einsatzwagen präsentierten sich die Genossen in Osterwieck. Und sie sind durchaus gefragt, wurden am Wochenende sogar schon für die Berßeler 1000-Jahr-Feier 2013 engagiert. Beim Osterwiecker Oldie-Meeting waren sie bisher immer dabei. "Diese Vielfalt an Fahrzeugen kommt sehr gut an", sagte Biethahn.