Bestürzung hat der Protestbrief von zwei Rottmerslebern an eine internationale Jury ausgelöst. Die Briefschreiber hatten gefordert, der Gemeinde Hohe Börde den Europäischen Dorferneuerungspreis zu versagen.

HoheBörde l Nach der Über- gabe eines von den Rottmersleber Ortschaftsräten Dominik Weitz und Enrico Feller unterzeichneten Protestbriefes an die internationale Jury für den Europäischen Dorferneuerungspreis (EDEP) 2014 reichen die Reaktionen von Wut bis Kopfschütteln. Vor allem an der Jury-Bereisung am 13. Juni beteiligte Akteure aus den Ortschaften der Gemeinde sind bestürzt.

"Das ist eine absolute Frechheit von zwei Einzelnen, die nur im eigenen Namen sprechen. Dafür hätte man eine andere Form wählen müssen. Auch mir ist seit Bildung der Einheitsgemeinde nicht alles leicht gefallen. Aber viele Menschen haben zusammen etwas auf die Beine gestellt und das machen zwei Leute nun kaputt", erklärte stellvertretend Gudrun Meyer, Landfrau aus Wellen, Kita-Leiterin in Hermsdorf und Initiatorin des dortigen Kinderparlaments.

Feller und Weitz jr. hatten in ihrem Schreiben unter anderem auf die von ihnen empfundene Benachteiligung von Rottmersleben durch die Gemeinde Hohe Börde und auf die drohende Schließung der Grundschulen in Rottmers- leben und Eichenbarleben verwiesen. Sie hatten die Hohe Börde "als ein abschreckendes Beispiel für eine Preisverleihung" bezeichnet und die Jury aufgefordert, der Gemeinde den Preis zu versagen.

"Tief bedrückt über die vollkommen unangemessene Kritik aus Rottmersleben" ist Wolfgang Bock, der Experte für Regionalentwicklung, der die Entwicklung der Gemeinde seit Jahren begleitet und mit seinem Team die Demografiestudie 2011 und das Integrierte Gemeindliche Entwicklungskonzept (IGEK) der Hohen Börde verfasst hat. Er ist Sprecher der landesweit agierenden Manager für das EU-Programm Leader, einer Strategie zur Förderung des ländlichen Raumes. Bock betonte: "Es steht nicht in Abrede, dass poli- tische Gremien und deren Vertreter Probleme der regionalen Entwicklung ansprechen und kritisieren können. Aber nicht so. Für diesen Preis haben sich etliche Bürger der Hohen Börde mit viel Herzblut engagiert. Dieses Protestschreiben hat das alles in Misskredit gebracht. Ich habe in meiner Tätigkeit schon viel erlebt, auch Rückschläge - aber das übertrifft alles."

Bock unterstrich: "Die Gemeinde Hohe Börde ist nicht umsonst vom Land für diesen Preis nominiert worden. Trotz komplizierter Bedingungen bei ihrer Bildung vor vier Jahren hat die Gemeinde aus Landes- sicht und auch aus meiner Perspektive eine vorbildliche Entwicklung genommen. Ausdruck dafür ist die hervorragende Bewerbung und die Bereisung am vergangenen Freitag. Mit dem Protestbrief werden nun das Land Sachsen-Anhalt und das Engagement der Akteure in der Hohen Börde auf europäischer Bühne auf eine nicht akzeptable Weise herabgewürdigt."

"Die Isolation von Rottmersleben wird durch den Alleingang der Briefverfasser nur verstärkt."

Helmut Harpke, Rottmersleber Mitglied des Gemeinderates Hohe Börde

Auch in Rottmersleben wird Kritik laut. Der neu gewählte Gemeinderat Helmut Harpke (Bündnisgrüne) aus Rottmersleben erklärte: "Ich bin angetreten, um im Gemeinderat zu gegebenem Zeitpunkt einen Neustart in der Schulentwicklungsplanung zu versuchen. Und um endlich die Isolation von Rottmersleben zu überwinden. Diese Isolation wird durch diesen Alleingang der Briefverfasser nur verstärkt, befürchte ich. Das ist eine Katastrophe, mit der sich die Unterzeichner selbst ins Abseits gestellt haben. So etwas kann ich einfach nicht begreifen."

Der Nordgermersleber Gemeinderat Albrecht von Bodenhausen (CDU) meint: "Wenn einzelne Rottmersleber eine Protestnote überreichen, ist das legitim. Es zeigt aber auch, wie wenig sich die Unterzeichner in der Vergangenheit mit dem Zusammenwachsen der Gemeinde Hohe Börde beschäftigt haben. Ihre Strategie ist: Alles besser wissen - Nichts besser machen - Sich möglichst nicht einbringen".

Von Bodenhausen erinnerte an das Engagement von Bürgern aus mehreren Dörfern, die für die Vorbereitung des Jury-Besuchs eigens ins polnische Breslau gefahren waren. "Jeder von ihnen musste bei der Bereisung einen Kurzvortrag über sein Dorf halten und jeder hat das mit viel Herzblut getan. Wir haben uns gegenseitig kennengelernt, neue Freunde aus anderen Ortschaften gewonnen. Das unsolidarische Verhalten von wenigen Rottmersleber Briefeschreibern kann uns vielleicht die Siegeschance vermasseln, gewonnen hat die Einheitsgemeinde dennoch. Wir sind enger aneinander gerückt, tragen als Bürger der Hohen Börde Verantwortung füreinander und sollten nicht gegeneinander agieren."