Der Schreck bei Doris und Hans Wöllmer sitzt tief. Am Montag ist ein Lkw von der B 71 abgekommen und gegen das Haus der beiden Wedringer gekracht. Dabei hat er die Wand zum ehemaligen Kinderzimmer durchschlagen. Noch immer ist unklar, ob das Haus weiter bewohnbar ist.

Wedringen l Das Grundstück der Wöllmers bietet einen wüsten Anblick: Schutt und Steine liegen umher. "Der Lastwagen hat erst den Vorgarten der Nachbarn durchpflügt. Dann ist er durch unsere Umfriedung gebrochen. Eine Zeder und eine Fichte wurden richtig aus dem Boden gerissen. Ein Baum lag oben auf dem Lkw und hat ein weiteres Loch in die Mauer geschlagen", erklärt Hans Wöllmer. Zusammen mit seiner Frau Doris sitzt der 78-Jährige im hinteren Teil des Hofes. Beide können noch immer nicht recht fassen, was mit ihrem Haus passiert ist.

Dabei hatten die Wöllmers Glück: Als der Unfall passierte, war niemand zu Hause. "Ich saß gerade beim Arzt im Sprechzimmer, als unser Sohn Andreas kam und sagte, wir sollten schnell nach Hause kommen. In unserem Haus stecke ein Lkw", erinnert sich Doris Wöllmer. "Ich konnte nichts sagen, habe nur noch gezittert."

Ein Freund aus der Nachbarschaft hatte Andreas Wöllmer über den Vorfall informiert. "Als ich hier war und alles gesehen habe, war das ein Schock. Es hat mir die Sprache verschlagen", berichtet seine 76-jährige Mutter.

Gegen 16.55 Uhr war der Lkw am Montag auf der B 71 in Wedringen Richtung Magdeburg unterwegs. Kurz vor der Ampelkreuzung kam er nach rechts von der Straße ab. Der Grund dafür ist unklar. Ein Augenzeuge gab an, mit dem Fahrer gesprochen zu haben. Dieser habe plötzlich nicht mehr lenken können. Die Polizei konnte das bislang nicht bestätigen. "Das Fahrzeug wird erst noch in Augenschein genommen", gab Holger Bethig vom Revier Börde in Haldensleben an.

Der 46-jährige Fahrer des Lkw zog sich bei dem Unfall leichte Verletzungen zu. Er wurde von der Feuerwehr geborgen und ins Krankenhaus gebracht. Die B 71 wurde zwischenzeitlich voll gesperrt.

Hans Wöllmer ist froh, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist: "Das ist für mich ein Wunder. Die Rohre unserer Gas-Heizung sind total verbogen. Den Zähler hat es aus der Wand gerissen", sagt der 78-Jährige. Doch ein Leck habe es nicht gegeben. Trotzdem wurden Gas- und Stromzufuhr sicherheitshalber abgeriegelt.

"Das ganze Ausmaß des Schadens hat man erst gesehen, als der Lkw rausgezogen war", ergänzt Doris Wöllmer. Das ehemalige Kinderzimmer dient mittlerweile als Umkleidezimmer. Alle Schränke wurden durch die Wucht des Unfalls umgeworfen.

Haldenslebens stellvertretender Bürgermeister Henning Konrad Otto organisierte für die Wöllmers eine Übernachtung in der Jugendherberge. "Wir sind dankbar, dass er uns unbürokratisch diesen Platz besorgt hat. Auch sonst hat uns Herr Otto wirklich sehr geholfen", betont Doris Wöllmer.

Doch um einfach in der Jugendherberge zu bleiben, war die Aufregung zu groß. Kurz nachdem sie ihr Zimmer bezogen hatten, fuhr Hans Wöllmer zur Unfallstelle zurück. Seine Frau verbrachte den Abend zunächst bei einer Freundin, die in der Nähe der Herberge wohnt. "Um 23.30 Uhr hat mich mein Mann dort abgeholt und wieder nach Wedringen gebracht", so die 76-Jährige. "Bis 4.30 Uhr haben wir auf der Straße gestanden und gewartet, bis das Loch verschlossen war."

Das Technische Hilfswerk (THW) Quedlinburg war vor Ort, um die Kollegen aus Haldensleben zu unterstützen. Die THW-Kräfte brachten Messpunkte am Haus an, um Setzungen oder gefährliche Hausverformungen frühzeitig erkennen zu können. Außerdem errichteten sie Stützkonstruktionen. Ein Kran hob den Lkw von der Unfallstelle. Das Loch in der Hauswand wurde mit einer Holzplatte verschlossen. Am nächsten Morgen ab 10 Uhr waren die Wöllmers wieder vor Ort. Sie dürfen ihr Haus betreten, um persönliche Sachen einzupacken - allerdings nicht den Keller und nicht das Umkleidezimmer. Wie es nun weitergeht, ist unklar. Ein Vertreter der Lkw-Spedition ist laut Hans Wöllmer bereits vor Ort gewesen. Er habe sich um die weitere Unterbringung gekümmert und auch sonst schnelle Unterstützung zugesichert. Doch die Frage, ob das Haus weiter bewohnbar ist, ist noch offen. Die muss ein Statiker beantworten, der laut Hans Wöllmer am Wochenende kommt.

"Hätten wir schon eine Umgehungsstraße, wäre das Ganze sicher nicht passiert", erklärt Nachbarin Marga Müller. Für diese Straße kämpfen die Wedringer bereits seit gut 20 Jahren. Erst Ende April hatte eine Demonstration mit 320 Teilnehmern auf die Dringlichkeit dieses Bauprojekts hingewiesen. Denn seit Jahren nimmt der Durchgangsverkehr in Wedringen zu.

"Viele Minister waren schon hier, vieles wurde versprochen. Aber getan hat sich nichts. Jetzt müssen wir uns zeigen, müssen uns stark machen", erklärte damals Sigrid Arnstedt, die die Demo mit organisiert hatte. Schon vor dem Unfall liefen die Planung für eine neue Kundgebung. Diese sollen nun mit noch größerem Nachdruck vorangetrieben werden.

   

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