Im Schnitt 30000 Besucher werden pro Jahr im Havelberger Dom gezählt. Die Kirchengemeinde hat Domführer berufen. Es gibt zudem Bürgerarbeiter, die Touristen gern das Bauwerk erklären, wenn sie das wünschen.

Havelberg l "So eine Führung haben wir auf all unseren Reisen in viele Länder aller Kontinente und in ganz Deutschland noch nicht erlebt. Herr Riemke führte uns in jeden Winkel des Havelberger Doms bis über die Gewölbe ganz oben. Kompetent erläuterte er jedes Detail. Egal ob Baustile, Bautechnik, Baumaterialien, Geschichte des Doms mit seinem Umfeld, Religion und religiöse Aussagen, Bilddeutungen - Herr Riemke wusste unglaublich viel und erzählte es begeistert und detailverliebt. Wir wissen jetzt, wie Buntglas gefärbt wurde, warum die Glocken funktionieren, welche Bedeutung zahllose Ornamente haben, wie die Domherren früher mit dem gemeinen Volk umgingen und so weiter. Dabei war Herr Riemke sehr wohltuend bescheiden und ohne jede Eitelkeit. Wir haben schon Führungen mit promovierten Leuten verschiedener Fachgebiete erlebt und meist auch teuer bezahlt. Noch keine Führung reichte an dieses Niveau heran."

Diese Zeilen sind Teil eines Briefes, den der Berliner Jürgen Kiowski nicht nur an die Volksstimme geschrieben hat, sondern mit dem er sich auch an Bürgermeister, Dompfarrer und Touristinformation gewandt hat. Der Grund: Nach zwei aus seiner Sicht perfekten Domführungen erfuhr er von Frank Riemke, der als Bürgerarbeiter im touristischen Bereich des Domes tätig ist, dass diese Maßnahme nach drei Jahren Ende April ausläuft und der Havelberger dann nicht mehr für Führungen durch den Dom zur Verfügung steht. Er schreibt: "Wir rufen allen Havelbergern zu: Das müsst ihr verhindern. Eine solche Perle darf nicht in den Schubkasten. Sie muss weiter glänzen. Riemke ist eine Werbung für eure Stadt. Freut euch, dass sich einer von euch im Eigenstudium so entwickelt hat."

So einfach ist das natürlich nicht. Geförderte Arbeitsmaßnahmen enden nach einer bestimmten Zeit. Dass sie in einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt münzen, ist eher selten der Fall, wenn es wie hier um touristische Dinge geht. Dafür fehlt den zuständigen Institutionen in der Regel das Geld. Der Bürgermeister setzte sich mit Iris Warnstedt vom Havelberger Jobcenter in Verbindung. Wirklich helfen kann er jedoch nicht. Auch nicht Pfarrer Frank Städler. Die evangelische Kirchengemeinde ist zwar Träger der Bürgerarbeit im Dom, doch Einfluss auf mögliche Weiterbeschäftigungen hat sie nicht - und auch kein Geld, um solche Leute wie Frank Riemke selbst anzustellen.

Für Festanstellungen hat Kirche kein Geld

Um den Dom für Besucher die ganze Woche über von morgens bis abends offen zu halten und Informationen weiterzugeben, ist die Kirchengemeinde auf AGH-Maßnahmen angewiesen. Ende April laufen die ersten Maßnahmen der insgesamt acht Stellen der dreijährigen Bürgerarbeit aus. Im Herbst enden sie für die noch verbliebenen drei. Wieder neue Mitarbeiter übers Jobcenter ab Mai zu bekommen, ist das Ziel, sagt Frank Städler. Mit Iris Warnstedt steht er diesbezüglich im Kontakt. "Wenn wir als Kirchengemeinde das Geld hätten, Leute anzustellen, würden wir das machen. Doch haben wir gerade mal Geld für Minijobs für Hausmeister und Küster."

Domführungen an sich gehören nicht zu den Aufgaben der Bürgerarbeiter. Doch können sie den Besuchern den Dom zeigen. Das liegt am persönlichen Engagement der Mitarbeiter. "Herr Riemke hat seine Bürgerarbeit gut gemacht. Er hat sich viel selbst angelesen und Touristen gern den Dom gezeigt, das wird von Besuchern bestätigt", sagt Frank Städler.

Hätte Frank Riemke denn als ehrenamtlicher Domführer eine Chance? Darüber hätten sie nie gesprochen, Frank Riemke ist mit dieser Frage nicht an ihn herangetreten, sagt der Pfarrer. Grundsätzlich hätte er aber diese Chance. "Unsere ehrenamtlichen Domführer müssen aber anders zur Verfügung stehen, sollten abrufbar sein, auch an Wochenenden. Das erfordert Flexibilität", macht der Pfarrer aufmerksam.

Die Kirchengemeinde hat derzeit zwölf ehrenamtliche Domführer. Ein Teil der Frauen und Männer hat an der Stadtführerausbildung teilgenommen und sich zudem Wissen eigenständig angeeignet. Mit einer Art Prüfung bei einer Führung durch den Dom vor dem Kirchenrat haben sie dann ihre Fähigkeiten bewiesen. Im Gottesdienst wurden sie als Domführer berufen.

Der Dom und seine Geschichte ist eines der Hobbys von Frank Riemke, erzählt er im Gespräch mit der Volksstimme. In den vergangenen sechs Jahren war er über verschiedene geförderte Maßnahmen fünf Jahre im Dom tätig. Dabei hat er sein Wissen erweitert und es gern an Touristen vermittelt, wenn sie es wollten. Er weiß, dass etliche Besucher keine Zeit haben für lange Erklärungen. Aber wer ihn anspricht, bekommt von Frank Riemke viel erklärt. So wie Jürgen Kiowski. Er war zunächst mit seinem Sohn in Havelberg und begeistert von der Art und Weise des Domerlebnisses mit Frank Riemke. Deshalb fuhr er kurz darauf mit seiner Frau nach Havelberg und fand "seinen Domführer" wieder.

"Offiziell darf ich keine Domführungen machen. Aber wenn mich jemand fragt, darf ich erklären", sagt Frank Riemke. Die Stadtführerausbildung hätte ihn schon interessiert. "Doch 280 Euro sind bei Hartz IV nicht übrig. Und bei den Wochenenddiensten im Dom hätte ich viele Termine gar nicht wahrnehmen können", so der 52-Jährige. Er ist gelernter Zimmermann. Aufgrund einer Erkrankung ist er gehandicapt und auch nicht mobil. Weshalb er es auch als schwer ansieht, sich möglicherweise als Buga-Gästeführer zu bewerben. Zumal eine Selbstständigkeit für ihn auch nicht infrage käme. Er wünscht sich eine Anstellung. Zu seinen Vorteilen zählt er, "dass ich aus dem Stegreif zehn bis fünfzehn Personen gut mein Wissen vermitteln kann, wenn ich auf Fragen eingehen kann. Leute mit Daten zu überhäufen, mag ich überhaupt nicht". Das hat er schon oft im Dom praktiziert, selbst mit Gästen aus Australien und Neuseeland. Da er kein Englisch spricht, geht es dann auch schon mal mit Händen und Füßen.

Der Dom ist Touristinfo Nummer 2 in der Stadt

Einen Großteil seines Wissen liest er sich an, auch aus Geschichtsbeiträgen in der Volksstimme. Oder er fragt Historiker und Archäologen aus, die den Dom oder die Stadt besuchen. Ein religiöser Mensch ist er nicht, sagt Frank Riemke. "Aber ich bewundere den religiösen Enthusiasmus unserer Vorfahren." Er hätte sich gefreut, wenn der Pfarrer ihn angesprochen hätte, ob er als ehrenamtlicher Domführer weitermachen würde. Er weiß auch von einigen seiner Kollegen im Dom, dass sie Interesse daran hätten. Ob es einen Weg gibt, das Potenzial zu nutzen, wird sich zeigen müssen. Fakt ist, der Dom ist mit seinen durchschnittlich 30000 Besuchern im Jahr ein wichtiges touristisches Ziel. "Und unsere Infostelle im Paradiessaal ist die Touristinformation Nummer 2. Es ist schade, dass sie nicht so ausgestattet ist", findet Frank Riemke.