Schönhausen l Dass noch eine zweite Hochwassermarkierung auf ihrem Grundstück angebracht werden muss, hätte Maria Kurth in der Schönhauser Breitscheidstraße 3 nicht für möglich gehalten. Und doch: 1,38 Meter hoch stand das Fischbecker Deichbruchwasser nach dem 10. Juni 2013 - nur wenige Zentimeter niedriger als 1845. Es hat großen Schaden angerichtet. Zwar hatte das Wasser "nur" das Kellergeschoss komplett geflutet, aber die Feuchtigkeit ist hoch in die Wohnung gezogen, die umfassend saniert werden musste.

Jetzt fehlt nur noch der Außenputz, dann kann die zweite Markierung - wiederum ein Fisch - angebracht werden.

Das erste Haus auf dem Grundstück hatte Otto Behrend gebaut. Er ist der Urgroßvater von Werner Kurth, dem 2011 verstorbenen Ehemann von Maria Kurth. Großvater Wilhelm Kurth, genau wie sein Schwiegervater und auch die Nachfahren Schmiedemeister, errichtete nach dem Fischbecker Deichbruch 1845 drei Jahre später ein neues Haus. Denn das Grundstück war wie viele andere in Schönhausen auch verwüstet. Es wurde extra hoch hinaus gebaut, damit es niemals wieder von Wasser zerstört werden könnte. Nach Wilhelm Kurth war Sohn Albert in der Schmiede auf dem Hof tätig, später dann Werner Kurth. Um 1980 musste die baufällige Schmiede abgerissen. Der sich bis dahin an der Wand befindliche Hecht, den Otto Behrend als Hochwassermarkierung angebracht hatte, wurde an die Fassade des Wohnhauses umgesetzt. "Eine Markierung für das Hochwasser 2013 ist schon in Arbeit", erzählt Sabine Schwarzlose, die Tochter von Maria Kurth, als die Familie noch mitten in den Bauarbeiten steckt. Der zweite Fisch wird auf einer Höhe von 1,38 Metern, nur wenige Zentimeter unter dem Fisch von 1845, angebracht.

Beim Kramen in alten Unterlagen sind Maria Kurth zwei Schriftstücke in die Hand gefallen. Es handelte sich zum einen um die Chronik der Schmiede und zum anderen um einen Volksstimme-Beitrag von Anfang der 90-er Jahre. Den hatte Klaus-Joachim Lasch geschrieben. Auf dem dazugehörenden Foto ist Werner Kurth zu sehen, der an der Hauswand mit dem schmiedeeisernen Hecht steht. Der ist etwa auf einer Höhe von 1,50 Metern befestigt. Unter der Überschrift: "Braune Wassermasse wälzte sich als Flutwelle auf Schönhausen zu" schrieb der Autor, nachdem er in die Chronik von Fritz Briest sen. geschaut hatte:

Flutwelle reißt jedes Hindernis mit sich

Den Elbdörfern hat Hochwasser schon oft zu schaffen gemacht. Das Jahr 1845 darf wohl als schlimmstes genannt werden. Die Elbe führte schon hohes Wasser, als im November 1844 ein strenger Winter mit viel Schnee Einzug hielt. Noch Mitte März konnte man die Elbe zu Fuß überqueren. Zu Ostern ließen ein plötzlicher Temperaturanstieg und starke Regenfälle das Eis aufbrechen. Ein mächtiges Hochwasser folgte. Der Pegelstand in Tangermünde zeigte am 1. April 1845 83 Zoll, am 2. bereits 134 Zoll, am 3. 157 Zoll und am 4. 180 Zoll. Der Elbdeich wurde erhöht, in Schönhausen um drei Fuß. Doch die Anstrengungen waren vergeblich. In der Nacht zum 3. April brach der Deich bei Grieben, am 3. bei Klietznick. Streckenweise wurde der Deich überflutet. In der Nacht zum 4. kam es zum Durchbruch bei Hohengöhren. In Schönhausen errichtete man schnellstens Wälle. Doch es fehlten Holz, Bretter und Buschwerk, um die Erde zu befestigen.

Gegen 10 Uhr vormittags brach der Deich bei Fischbeck. Als Flutwelle wälzte sich die gelbbraune Wassermasse auf Schönhausen zu, Dung vom Acker und jedes Hindernis mit sich reißend. Das Wasser spülte die schnell errichteten Wälle hinweg und suchte sich seine Bahn. Ein Kampf ums Überleben begann.

Backtröge dienten als Kahn

Die Bevölkerung flüchtete in höher gelegene Ortsteile, besonders zur Kirche und zum Schloss oder suchte in größeren Gebäuden unterm Dach Schutz. Bis zum oberen Fensterkreuz stand das Wasser bei einigen Häusern im Altdorf. Haus und Schmiede des Urgroßvaters von Werner Kurth waren 6 Fuß tief unter Wasser gesetzt. Kleinvieh kam um, aber auch Pferde, Kühe, Schweine und Schafe ertranken, besonders Jungvieh. In Backtrögen "kahnte" man. Schlugen sie um, stand man bis zum Hals im eiskalten Wasser.

Die Chronik weiß zu berichten: "Die Zertrümmerung des Deiches bei Fischbeck und Schönhausen verhinderte den befürchteten Bruch bei Hämerten, wodurch Stendal, die Uchtedörfer und die ganze Wische unter Wasser gekommen wären...`` Das konnte den Schönhausern wenig Trost spenden.

Am 4. April wurden den ganzen Nachmittag die Sturmglocken gezogen. Notfahnen aus dem Kirchturm sollten den Nachbardörfern signalisieren, dass Hilfe per Kahn gebraucht wurde. Denen ging es aber nicht besser. Über Kabelitz, Wust, Zollchow, Milow hätte man bequem von Tangermünde aus die Havel erreichen können. Große Elbkähne kamen Tage später bis in die Dorfstraßen von Schönhausen, um Vieh und Getreide zu sichern.

Nur langsam ging das Wasser zurück. Viele Schäden waren nicht zu berechnen. Die Not war groß. Als am 31. Mai das Vieh ausgetrieben wurde, standen noch Dreiviertel der Weiden unter Wasser.

Die fleißigen Fischbecker fingen im Juni wieder an zu dämmen. Allein schafften sie es nicht. Schon am 3. Juni packten Helfer aus 10 Orten der Umgebung kräftig mit zu. Die Schließung des Deichbruchs kostete insgesamt 19000 Taler.

Als "Mahnmal jener Notzeit" wollte Otto Behrend den Fisch verstanden wissen, den er schmiedete und in der Höhe des Wasserstandes an seiner Schmiede anbrachte. Sein Schwiegersohn baute 1888 sein neues, größeres Haus so hoch raus, dass ein neues Hochwasser nur dem Keller geschadet hätte. Als der Urenkel, Schmiedemeister Werner Kurth, 1986 die nicht mehr benötigte Schmiede abriss, brachte er den Hecht in gleicher Höhe am Wohnhaus an. So besitzt Schönhausen heute eine wichtige Wasserstandsmarke als historischen Beweis und als Kuriosum diesen nur 22 Zentimeter langen schmiedeeisernen Hecht."

 

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