Wenn zwei sich streiten und vor dem Gang zum Gericht eine gütliche Einigung erzielt werden soll, dann ist Birgit Bromann zur Stelle. Die 52-Jährige aus Röwitz ist Schiedsfrau und als solche bemüht, eine Schlichtung herbeizuführen.

Röwitz l Gegenseitige Rücksichtnahme ist die Voraussetzung für ein friedvolles Miteinander. Doch besonders unter Nachbarn kann der sprichwörtliche Haussegen schon mal schief hängen. Aus unterschiedlichen Gründen: Beleidigung, Streit um die Grundstücksgrenze, Bäume und Sträucher, die über den Zaun ragen oder eine Grillparty, die aus dem Ruder läuft. Oft, so weiß Birgit Bromann, sind es Kleinigkeiten, die zu Zerwürfnissen führen und zwischenmenschliche Beziehungen auf Dauer belasten können.

Schiedspersonen arbeiten ehrenamtlich und objektiv

Doch soweit muss es nicht kommen. Dafür kann Birgit Bromann sorgen. Die Röwitzerin ist seit 17 Jahren Schiedsfrau und in der Stadt Klötze für die Ortsteile der ehemaligen Verwaltungsgemeinschaft Jeetze-Ohre-Drömling zuständig; also Dönitz, Immekath, Jahrstedt, Kunrau, Kusey, Neuferchau, Ristedt, Steimke und Wenze (Schiedsstelle I). Um Klötze und die anderen Dörfer der Einheitsgemeinde (Schiedsstelle II) kümmert sich der Klötzer Carsten Behrend.

Schiedsmänner und -frauen, so erklärt Birgit Bromann, gibt es bereits seit über 180 Jahren. Sie haben die Aufgabe, zwischen streitenden Parteien zu vermitteln; einen Vergleich, der übrigens 30 Jahre lang vollstreckbar ist, herbeizuführen und dadurch den Rechtsfrieden wiederherzustellen. Schiedsmänner und -frauen sind zur Verschwiegenheit verpflichtet und leisten einen Eid, der ihnen Objektivität abverlangt.

"Wir sind keine Anwälte oder Richter", betont Birgit Bromann. Das ist auch nicht nötig, da Schiedsmänner und -frauen keine Urteile sprechen, sondern nach einer Lösung des Problems suchen. Natürlich, so macht die 52-Jährige deutlich, werden Schiedsmänner und -frauen regelmäßig geschult und unterliegen zudem einer ständigen Aufsicht und Kontrolle des jeweiligen Amtsgerichts. Und: Sie arbeiten ehrenamtlich. Von den Beteiligten sind daher lediglich die Verfahrens- und Sachkosten, zum Beispiel für Porto und Schreibauslagen, zu zahlen. Hierzu wird in der Regel ein Vorschuss in Höhe von 70 Euro einkassiert. Schiedsmänner und -frauen sind seit einigen Jahren von größerer Bedeutung, da seit dem 1. Juli 2001 vor dem Gang zum Kadi ein solch außergerichtliches Verfahren obligatorisch ist.

Birgit Bromann hat etwa zehn Fälle pro Jahr

Birgit Bromann, die als Bürokauffrau in einem Versicherungsbüro angestellt ist, hat pro Jahr etwa zehn Fälle vorliegen. Tendenz steigend, denn nach ihrem Eindruck gelten die einst als selbstverständlich erachteten Regeln des zwischenmenschlichen Zusammenlebens nicht mehr. "Früher war klar, dass zu bestimmten Zeiten Ruhe herrschen muss. Und es war üblich, dass man dem Nachbarn Bescheid gesagt hat, wenn man ein Fest feiern will und wusste, dass es lauter werden würde. Da war es auch normal, dass man den Nachbarn mit eingeladen hat. Das ist heute nicht mehr so. Außerdem spielen Neid und Hass eine immer größere Rolle. Darum habe ich mehr zu tun."

Zirka dreiviertel der Fälle von Birgit Bromann sind "Tür- und Angelfälle", sprich rein informeller Natur, das heißt, sie erteilt Auskünfte oder übergibt eine Broschüre. "Dann sehen die Leute schon deutlich klarer."

Doch in 25 Prozent der Fälle gilt es, einen Sachverhalt zu klären. Als Beispiele nennt sie Regenwasser, das auf das Grundstück des Nachbarn fließt, oder Kaminrauch, der als Geruchsbelästigung empfunden wird. Birgit Bromann wird dann stets in drei Schritten tätig. Erstens: Schriftlich oder mündlich ergeht bei ihr der Antrag auf Anberaumung eines Schlichtungs- oder Sühnetermins. Zweitens: Birgit Bromann schaut sich die Gegebenheiten vor Ort an. Drittens: An einem neutralen Ort findet der Schlichtungstermin statt, meist im Kunrauer Schloss. Daran nimmt auch ihre Kollegin Manuela Gruss aus Kunrau teil. Im Dialog mit dem Antragsteller und dem -gegner wird der Konflikt besprochen und gemeinsam nach Auswegen gesucht.

Die Erfolgsquote der Röwitzerin liegt bei rund 75 Prozent

Ihre Erfolgsquote schätzt Birgit Bromann, die ehedem in Weimar Staat und Recht studiert hat und fast zehn Jahre lang Bürgermeisterin in Dönitz war, auf rund 75 Prozent. Sie ist sich sicher, dass eine Schlichtung bei den Kontrahenten zu einer höheren Zufriedenheit führt als ein Gerichtsurteil, da die Gegner mit dem Ergebnis, zu dem schließlich beide beigetragen haben, einverstanden sind und keiner als Sieger oder Verlierer aus dem Verfahren hervorgeht.

In den anderen 25 Prozent der Fälle sind die Fronten jedoch derart verhärtet, dass eine einvernehmliche Lösung und Aussöhnung nicht mehr möglich ist. Dann stellt Birgit Bromann eine sogenannte Bescheinigung der Erfolglosigkeit des Schlichtungsversuchs zur Vorlage bei Gericht aus. Dieses Papier ist notwendig, um überhaupt eine Klage einreichen zu können.

Bromann: Die Gesellschaft hat verlernt, miteinander zu reden

Birgit Bromann überrascht nach all den Jahren so gut wie nichts mehr. "Ich habe schon erlebt, dass Eltern und Kinder, die zudem in einem Haus wohnen, sich einfach nicht vertragen wollten." Trotzdem ist sie erstaunt darüber, über welche Lappalien sich manche Leute streiten. "Die Gesellschaft hat verlernt, miteinander zu reden. Dabei lässt sich in einem Gespräch so vieles aus der Welt räumen. Manchmal sind es ja auch nur Missverständnisse." Sie gibt zu bedenken: "Kaum eine Ehe hält noch für das ganze Leben. Aber mit seinem Nachbarn muss man es ewig aushalten, wenn man Haus und Hof hat."

Die Tätigkeit als Schiedsfrau macht der Ehefrau und zweifachen Mutter - der Sohn studiert Mediendesign, die Tochter ist Psychologin - immer noch Spaß. "Sonst würde ich es nicht machen. Oft hilft es bereits, dem Antragsteller aufmerksam zuzuhören und Verständnis für die Probleme zu zeigen."