Lüdelsen l Eigentlich sollte es nur ein Bauplatz für ein neues Eigenheim sein, doch die 447 Quadratmeter große Fläche am hinteren westlichen Ende des Lüdelsener Kirchbergs mutiert derzeit zur Ausgrabungsstelle. Mitglieder des Jübarer Vereins Junge Archäologen der Altmark untersuchen das Areal in ehrenamtlicher Arbeit auf historisch bedeutsame Funde. Denn auf dem Kirchberg stand einst nicht nur das älteste Gotteshaus Lüdelsens, sondern vermutlich auch die Vorgängersiedlung des heutigen Dorfes, die Ende des 15. Jahrhunderts wüst wurde.

Als das junge Jübarer Paar Sabrina Krahl und Steffen Hildebrandt den Bauantrag bei der Gemeinde stellte, konnte es nicht ahnen, dass einige Zeit später ein Schreiben des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie ins Haus flattern würde. Darin die Auflage, das Grundstück zunächst archäologisch untersuchen zu lassen. Normalerweise ein teures Unterfangen, mindestens 10000 Euro dürften fällig werden, wenn sich die Experten vom Landesamt an die Arbeit machen. Doch da Andreas Krahl, der Vater des Bauherrn, lange Jahre bei den Jungen Archäologen mitarbeitete, sind diese für die Familie in die Bresche gesprungen und übernehmen die Untersuchung ehrenamtlich.

Zunächst wurde die Fläche abgeschoben und ein Planum hergestellt, um anschließend die Befunde einzumessen und einen Gesamtgrabungsplan zu erstellen. "Befunde nennt man die Verfärbungen des Bodens, die auf Siedlungsreste hindeuten", erläuterte Hartmut Bock, Vorsitzender der Jungen Archäologen, der Volksstimme. Diese habe man halbiert, geschnitten und dann untersucht. Entdeckt wurden Gruben und Pfosten von Häusern, deren Profile die Archäologen genau aufzeichneten.

27 Pfostenverfärbungen im Boden entdeckt

Insgesamt 49 Befunde wurden bis Mittwochabend gemacht. "Aber es kommen immer wieder neue dazu", erklärte Grabungsleiter Thorsten Müller. Allein 27 tiefgraue bis schwarze Pfostenverfärbungen habe man entdeckt, einige mit Lehm-packungen, andere mit Stütz- beziehungsweise Klemmsteinen versehen. "Damit haben wir nicht gerechnet", meinte Müller.

Ebenfalls entdeckte Grabgruben werden von den Jungen Archäologen sondiert, um die Tiefe festzustellen, aber nicht komplett freigelegt. Denn die Zeit drängt, bis 29. Mai müssen die Untersuchungen abgeschlossen sein, damit der Hausbau beginnen kann. "Normalerweise wäre dieser Platz etwas für eine Sommergrabung, wo wir ohne Zeitdruck arbeiten können. Aber das ist nun mal nicht möglich", bedauerte Hartmut Bock.

Die Bauweise der Befunde deutet auf Siedlungsreste aus dem frühen Mittelalter hin. Damals ruhten die Häuser ebenerdig auf in den Boden getriebenen Pfosten. Erst im 13. Jahrhundert kam die Ständerbauweise auf. Auch etliche Scherben haben die Jungen Archäologen entdeckt. Um deren Alter bestimmen zu können, müssen sie jedoch zunächst gewaschen, getrocknet und den Befunden zugeordnet werden.

Nach ersten Einschätzungen dürfte es sich bei den Siedlungsresten um Teile des ursprünglichen Lüdelsens handeln, das 1290 erstmals urkundlich erwähnt und Ende des 15. Jahrhundert wüst wurde. Zu den Häusern gehörte die alte Kirche auf dem Kirchberg, deren Ruine noch bis ins 19. Jahrhundert existierte. Heute ist die Stelle überbaut, im angrenzenden Garten, wo sich einst der alte Friedhof befand, wurden beim Bearbeiten des Bodens immer wieder mal Scherben und auch Knochenreste gefunden.

"Der Kirchberg war eine äußerst günstige Siedlungslage", verwies Hartmut Bock auf die Anhöhe mit der dahinter befindlichen fruchtbaren Niederung. Man könne deshalb annehmen, dass hier noch früher als bisher nachgewiesen Menschen gewohnt haben, bis in die Jungsteinzeit. Einige Kilogramm an Funde bei Flurbegehungen der Jungen Archäologen, wie Feuersteinabschläge und -werkzeuge, würden darauf hindeuten.

 

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