Wie viele Nasen hat Rita Schüßler geputzt, wie viele Kinder gewickelt, wie viele Tränen getrocknet? Nicht genug auf jeden Fall. Denn auch nach 45 Jahren als Erzieherin möchte die 65-Jährige vom Aufhören noch nichts wissen. Aber es nützt nichts, am 30. Juni geht`s in die Rente.

Klein Schwechten l Sie hätte schon aufhören können, aber sie wollte noch nicht. Bis zum 30. Juni bleibt Rita Schüßler den Kindern und dem Team der Kita "Wichtelhausen" in Klein Schwechten noch erhalten. Dann ist aber Schluss. "Ich hab versprochen, danach einmal die Woche vorbeizuschauen", sagt die 65-Jährige. Dieser langsame Entzug kommt ihr selbst zu Gute, denn Rita Schüßler ist viel zu gerne Erzieherin. Der Beruf ist ihr Berufung, auch wenn er eigentlich so nicht geplant war.

Rita Schüßler, die aus Osterholz stammt, hat zunächst den Beruf der Wirtschaftskauffrau bei der LPG in Wasmerslage erlernt. "Aber ich habe bald gemerkt, dass das nichts für mich ist, zu viele Zahlen." Nachdem Rita Schüßler selbst Mutter wurde und nach Klein Schwechten gezogen war, lehnte sie das Angebot der dortigen LPG ab. "Sie wollten mich gerne haben, aber ich konnte mich nicht dazu durchringen." Stattdessen heuerte Rita Schüßler in der örtlichen Kinderkrippe an. Diese war 1970 gerade von einer Saison- in die Tageskrippe umgewandelt worden. Rita Schüßler arbeitete in Klein Schwechten und machte gleichzeitig eine dreijährige Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin. Die Theorie erlernte sie im Krankenhaus Seehausen, die Praxis in der Wochenkrippe Osterburg, "obwohl, wir haben auch im Krankenhaus auf der Säuglingsstation gearbeitet, es war eine schöne Zeit". Die Auszubildenden von damals haben heute noch Kontakt, "aber die anderen haben schon alle aufgehört zu arbeiten". Rita Schüßler putzt weiterhin die Nasen der Kinder. Auch wenn der Rücken immer mal wieder rebelliert. "Ich habe mal gehört, wenn der Rücken nicht weh tut, ist man keine richtige Erzieherin."

Und dann hat "Rita", wie die Kinder sie nennen, noch einen Spruch gehört, nach dem sie arbeitet: "Erzähl es mir und ich werde es vergessen. Zeig es mir und ich werde mich erinnern. Lass es mich tun und ich werde es behalten." So sei es und nicht anders. Wenn es irgendwie geht, habe sie die Kinder immer dazu ermuntert, die Dinge selbst zu tun. "Desto eher lernen sie es." Eltern wunderten sich oft, was ihre Kinder in kurzer Zeit in der Kita lernen. "Aber das ist ja auch verständlich, morgens muss es oft schnell gehen und abends sind alle müde, da nimmt man den Kindern die Dinge ab."

Lärm in der Kita? Für Rita Schüßler sind Kinder nicht anstrengend, weil sie laut sind. Überhaupt habe sie die Arbeit nie als Belastung empfunden - mit einer Ausnahme. "Wenn gleichzeitig vier Kinder in der Eingewöhnung sind, ist es schon sehr anstrengend." Wenn die Erzieherin nach einem solchen Tag nach Hause kommt, sehe ihr Mann das sofort und sagt: "Ich lass dich in Ruhe." Besser sei es, die Kinder kommen nacheinander. Aber das ist nicht immer machbar.

Ja, Rita Schüßler grault sich vor dem 30. Juni, auch wenn sie zu Hause genug zu tun habe. Da warten der Garten und so viele schöne Bücher. Außerdem wolle sie mit ihrem Mann verreisen. "Zur Ostsee, das reicht uns." Bestimmt werde sie am letzten Tag eine Träne verdrücken. Aber die wird trocknen. Wer, wenn nicht Rita Schüßler, weiß das aus Erfahrung.