Ulrich Kasparick, ehemaliger Staatssekretär und Bundestagsabgeordneter, war am Dienstag zu Gast in der Osterburger Bibliothek. Der ehemalige Berufspolitiker war 2009 aus gesundheitlichen Gründen ausgestiegen und hatte seine Erfahrungen als "eine Art Frührentner" in seinem Buch "Notbremse - Ein Politjunkie entdeckt die Stille" niedergeschrieben.

Osterburg. "Was treibt uns in diesem Land eigentlich zu Höchstleistungen an und was bringt einen Menschen zum Aufhören?", fragte Ulrich Kasparick am Beginn seiner Buchpräsentation am Dienstag in der Osterburger Bibliothek. Der aus der Altmark stammende studierte Theologe war 1989 in die Politik gegangen und hatte bis 2009 eine steile Kar-riere bis zum parlamentarischen Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung verfolgt.

Gemeinsam mit dem Magdeburger Journalisten Ulrich Meinhard erörterte Kasparick sein Buch in einer Art Diskussion. Meinhard hatte Kasparick vom Beginn seiner Karriere an begleitet und beobachtet. Er schätzte Kasparicks Lebenslauf als "interessant und faszinierend" ein. Auch das Publikum beteiligte sich am Meinungsaustausch mit dem Referenten und scheute sich nicht, Fragen zu stellen. Bibliotheksleiterin Anette Bütow begrüßte den weit gereisten Gast und beschrieb die Aufregung, die sie als Organisatorin vor so einer Veranstaltung habe. Wenn dann alles gut gelaufen sei, habe man "positiven Stress", so Bütow. An diesem Abend sollte es aber besonders um negativen Stress gehen, der den Menschen schadet.

Der Autor beschrieb zuerst seinen normalen Arbeitsalltag als Staatssekretär. Tage seien auf Viertelstunden genau ge-plant gewesen. Innerhalb von drei Tagen habe er Japan, Südkorea und China bereist, jede Minute sei dienstlich genutzt worden. "Die Seele kommt nicht nach."

Kasparick suchte die Ursachen für sein Karrierestreben in seiner Kindheit und Jugend. Tüchtigkeit sei für ihn ein Zeichen, dass die Kinder Anerkennung bei ihren Eltern suchen.

Nach seinem Ausstieg auf Grund einer Krebserkrankung und eines Schlaganfalls habe der "Politjunkie" eine innere Unruhe verspürt und sich viele Fragen gestellt. "Warum die Anstrengung?" Gefühle wie Wut und Trauer, über das, was er in der Karrierezeit alles verpasst hatte, bewegten ihn. "Ich habe viel gesehen und im Grunde auch nichts gesehen", reflektierte Kasparick seine zahlreichen Dienstreisen.

Er sei "abhängig gewesen" von seiner Tätigkeit und musste erst die "Stille lernen". Im Kloster habe sich ihm die Stille als unbekanntes Land eröffnet. Mit täglichen Meditationsübungen und Atemtechniken habe er gelernt, Zeit nur für sich selbst und nicht für andere zu nutzen. Wichtig bei den Übungen sei die Regelmäßigkeit. Wer sich keine berufliche Auszeit nehmen könne, so wie er, für den seien diese täglichen Übungen ein guter Weg, um nicht dem Stress zu verfallen.

Während Kasparick seine Eindrücke anschaulich, beruhigend, unterhaltsam und rhetorisch geschult ausführte, folgten ihm die etwa 50 Zuschauer sehr aufmerksam. Trotz der Länge der Lesung von über drei Stunden war es ein kurzweiliger Abend.

Kasparick regte an, dass stärkere Spiritualität in unserer Leistungsgesellschaft ein gutes Mittel gegen die derzeit weit verbreiteten Burnout- und Depressionserkrankungen sei.

"Die spannendsten Dinge in meinem Leben waren die Dinge, die ich nicht geplant hatte", so Kasparick. Er empfahl jungen Menschen, die Wendungen des Lebens zu akzeptieren und nicht an vorgefertigten Karrierewegen festzuhalten.

Kontrovers wurde es beim Thema Gesundheit und Tod. Kasparick kritisierte, dass in Deutschland zu viel Geld für die Bekämpfung des Todes ausgegeben würde, den man ohnehin nicht aufhalten könne. Nach einer angeregten Publikumsdiskussion fügte der Autor hinzu, dass er trotzdem die moderne Medizin schätze, diese aber als überfinanziert ansehe.

Kasparick fiel schließlich in seine frühere Rolle als Politiker zurück. Geschichten aus dem politischen Nähkästchen beschäftigten den Redner, aber auch die derzeitigen Unruhen in Nordafrika. Globalisierung und die Subventionierung der europäischen Landwirtschaft treibe die Menschen als Flüchtlinge nach Norden, argumentierte Ulrich Kasparick. Und er machte deutlich: "Wir müssen Verantwortung für das übernehmen, was wir tun."