Winter in Salzwedel: Glatteis und Schneeberge allerorten, für Fußgänger eine Schlitterpartie, für parkplatzsuchende Autofahrer nicht minder. Das Streusalz beim Wirtschaftshof ist nach drei Wochen Schneefall nahezu aufgebracht. Und mit dem nun vorausgesagten Tauwetter drohen Überschwemmungen – das Krisenmanagement der Stadt ist nun gefragt.

Salzwedel. Diesen Winter sollte alles besser werden. Gut gerüstet zeigte sich der städtische Wirtschaftshof zu Beginn der kalten Jahreszeit. Die Realität ist indes eine andere. Der Großteil der Salzvorräte war bereits vor Weihnachten aufgebraucht – nach gerade einmal drei Wochen Schnee. Seitdem müssen die Salzwedeler und ihre Gäste mit vereisten Pisten leben. Die Hansestadt kämpft um jeden Touristen. Und Besucher, die nach Salzwedel kommen, haben gute Chancen für einen längeren Aufenthalt – im Altmark-Klinikum. Denn die Gefahr, auszurutschen und sich zu verletzen, ist nicht nur dort groß, wo Anwohner ihrer Räumpflicht nicht nachgekommen sind. Auch viele kommunale Straßen und Parkplätze sind spiegelglatt.

Der im vorigen Winter von der Volksstimme angeregte Gedanke, wie in anderen Städten auch die Wohngebiete mit Sandboxen auszustatten, damit Anlieger gefährliche Straßenabschnitte selbst streuen können, muss den Sommer über verloren gegangen sein.

Und mit dem für heute angekündigten Tauwetter, verbunden mit länger andauernden Regenfällen, droht das nächste Debakel. Viele Gullys sind unter Schneemassen begraben, das Tauwasser kann nicht ablaufen. Einen ersten kleineren Vorgeschmack auf Straßenüberflutungen gab es bereits am Sonntag, als sich an vielen Stellen in der Stadt größere Pfützen bildeten.

Lüchow fährt Schnee aus der Innenstadt

Die Chance, den geschmolzenen Schnee aus der Innenstadt zu schaffen – so wie im Vorjahr aufgrund öffentlichen Drucks geschehen – ist vertan worden. Rechtlich gesehen handele es sich bei Schnee, der in Berührung mit dem Straßenkörper gekommen ist, um Sondermüll, der deponiert werden muss, hatte Wirtschaftshof-Leiter Wulf Ohlmeyer im November bei der Fraktionssitzung der Freien Liste "Für Salzwedel" argumentiert. Benachbarte Kommunen reden nicht, sie handeln stattdessen. In Bad Bodenteich ist in der Vorwoche mit Radladern der Schnee vom Rand der Durchfahrtsstraßen geräumt worden. Die gleiche Aktion gab es vor dem Jahreswechsel in der Lüchower Innenstadt. Allein in der ersten Nacht wurden 650 Kubikmeter Schnee – das sind 36 Lkw-Ladungen – abgefahren, um das Abstellen von Autos an Straßenrändern und auf Parkplätzen zu ermöglichen.

Nach den Erfahrungen der beiden vorangegangenen strengen Winter hatte die Verkehrsministerkonferenz im August den Kommunen eine Empfehlung für die Mindestbevorratung mit Streusalz gegeben: 3,5 Tonnen pro Straßenkilometer. Denn im vorigen Winter hatten gerade einmal 20 Prozent der deutschen Städte ein ausreichendes Salzreservoir bereitgehalten.

Der Tourenplan des Salzwedeler Wirtschaftshofes umfasst laut Wulf Ohlmeyer 60 bis 70 Kilometer Fuß- und Radwege sowie 15 Kilometer Straßen. Für diese Aufgabe waren vor Wintereinbruch die rund 55 Tonnen fassenden Salzsilos befüllt worden. Hinzu kamen 50 Tonnen eines Salz-Sand-Gemisches und 15 Tonnen Salz in Bigpacks als Notfallreserve. Inzwischen sind die Silos leer, nur eine "eiserne Reserve" steht bereit. Auf die bestellte Salznachlieferung wartet das städtische Tochterunternehmen weiterhin. "Dafür haben wir unseren Splittvorrat aufgestockt", sagte gestern Mitarbeiter Tony Kuschel auf Volksstimme-Nachfrage.

Kein Erbarmen für Anwohner

Den Unmut von Anwohnern hat sich der Wirtschaftshof indes an der Schillerstraße zugezogen. Das Räumfahrzeug schob an der Ampelkreuzung den Schnee vom Gehweg und ließ den stattlichen Berg dort liegen, wo die eigene Räumpflicht endet, nämlich an der Grundstücksgrenze der Hausnummer 18. Die betroffene Heidrun Teege und ihr Mann Jörg sind sauer. Denn der Fußweg in Richtung Stadt wurde unpassierbar. Die eigenen Bemühungen, den etwa einen Meter schmalen Gehsteig so vom Schnee zu räumen, dass die Strecke im Gänsemarsch passiert werden kann, wird auch durch das Räumfahrzeug zunichte gemacht, das die weiße Pracht von der Fahrbahn auf den Gehweg wirft. "Wir wissen nicht wohin mit dem Schnee. Er ist salzdurchsetzt. Wir können ihn doch schlecht in unseren Vorgarten kippen", sagt Hei-drun Teege und und fügt erklärend hinzu: "Die Ziersträucher würden darunter leiden." Ihr Mann habe wegen der Angelegenheit sowohl im städtischen Bürgeramt als auch beim Altmarkkreis vorgesprochen. Eine Lösung sei bis heute nicht gefunden worden. Stattdessen hätten sich die Behörden gegenseitig die Verantwortung zugeschoben. Eine Lösung hätte Familie Teege parat: Das Auto des Wirtschaftshofes könnte den Fußweg bis hoch zum Kreisverkehr räumen und den Schnee dort auf der Wiese deponieren. Doch derartige Zugeständnisse an Anlieger sind mit der Stadt offenbar nicht zu machen. Kein Einzelfall. Die Fahrer, die die Fußwege von kommunalen Grundstücken räumen, nehmen auf der Fahrt zum nächsten Abschnitt das Schiebeschild lieber hoch als einigen Anwohnern die Arbeit zu erleichtern. Wo kämen wir denn schließlich hin, wenn nicht wirklich jeder zu Schaufel und Besen greifen müsste?