Auch Monate nach der Nachricht, dass für die Sanierung des alten Chemiewerks 80 Prozent Fördermittel fließen könnten, tut sich nichts. Die Stadt verweist auf den Besitzer. Gardelegen zeigt, wie eine Sanierung trotz Privatbesitz klappen kann.

Salzwedel l Vier Monate nachdem der Altmarkkreis auf hohe Fördermöglichkeiten für den Abriss des ehemaligen Chemiewerks hingewiesen hat, liegt das Gelände weiter im Dornröschenschlaf. "Uns gehört nichts, da können wir nicht viel machen", sagte Stadtsprecher Olaf Meining gestern auf Nachfrage.

Es sei nicht so, dass sich die Stadt nicht um die Sanierung des Schandflecks bemüht habe. Doch die Kontaktaufnahme zum Besitzer der problematischen Flächen habe sich als schwierig erwiesen. Zudem liege das Werksgelände in der Hand verschiedener Eigentümer. "Das ist ein vertrakte Situation", sagte Meining.

"Das ist eine vertrakte Situation."

Olaf Meining, Marketingamtsleiter in Salzwedel

Tatsächlich gleichen die Besitzverhältnisse auf dem Gelände einem Puzzle. So besitzt die Raiffeisen-Gruppe Flächen und Gebäude, ebenso die Anhaltische Düngemittel- und Baustoff GmbH. Weitere Hallen sind Eigentum von Privatleuten und Kleinunternehmen.

Gibt es hier wegen aktuell vorhandener Nutzung kaum Handlungsbedarf, so sieht das für den sichtbaren Teil des Werkgeländes an der Gardelegener Straße anders aus.

Ehemaliges Verwaltungsgebäude, Werkhalle, Zufahrt und die umgebenden Flächen befinden sich seit Jahren im Verfall (wir berichteten). Ob der Besitzer Christian Sander, Rechtsanwalt aus Berlin, noch Pläne für die Immobilien hat, ist nicht bekannt. Für die Volksstimme war er gestern nicht zu erreichen.

Fakt ist: Auch wenn sich Altindustrieflächen in privater Hand befinden, ist die Verwaltung nicht zum Abwarten verdammt. Das zeigt das Beispiel Gardelegen. Die Stadt hat dort 2012/13 das Gelände des innenstadtnahen Agrochemischen Zentrums (ACZ) mit hoher Förderung aus verschiedenen Programmen beräumen und renaturieren lassen - bei anfangs ebenfalls vertrackten Besitzverhältnissen.

"Die insgesamt elf Gebäude befanden sich in Privatbesitz, die Fläche gehörte dem Bund", berichtete Gardelegens Bauamtsleiter Engelhard Behrends. Auf Beschluss des Rates habe die Stadt Hallen und Flächen gekauft, ein Sanierungskonzept erstellt und Fördermittel eingeworben. Aus dem Landesprogramm zur Altlastensanierung flossen dann tatsächlich 80 Prozent der Kosten für den Abriss. Fördergeld gab es auch für die Renaturierung. Heute ist das Gelände ein weitläufiger Park, der die Wallanlagen ergänzt.

"Die Städte müssen sich kümmern."

Engelhard Behrends, Bauamtsleiter in Gardelegen

In seinem zweitgrößten Ortsteil Mieste ging Gardelegen ähnlich vor. Dort kaufte die Stadt Gelände und Flächen des leerstehenden Asbestzementwerks (AZW) bei einer Zwangsversteigerung. Für Abriss und Sanierung erhielt die Kommune über das Programm Stadtumbau Ost und ein Programm zur Beseitigung von Altlasten Fördergeld von 80 Prozent. Auch wenn die Umsetzung eines geplanten Feuerwehr-Gerätehauses derzeit fraglich ist, die Altindustriebrache ist auch hier verschwunden.

Für Engelhard Behrends ist die Beräumung der Gardelegener Industrieflächen eine Erfolgsgeschichte. "Die Flächen stellen Missstände dar, um die sich die Städte kümmern müssen", sagt er. Oft hätten sich die Eigentümer verspekuliert, sodass eine Lösung ohne Einmischung der Kommunen unmöglich sei. Der Bauamtsleiter ist froh, dass sich die Stadt des Großteils ihrer Industriebrachen bereits entledigt hat. "In zehn Jahren wird es wohl kaum noch Fördermittel geben", fürchtet er.

Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass Salzwedel in den kommenden Jahren mit immer knapper werdenden Haushaltsmitteln rechnen muss. Die allgemeinen Zuweisungen des Landes sinken 2015 im Vergleich zu 2014 um fast eine Million Euro. Der Spielraum für die in jedem Fall nötigen Eigenmittel wird damit immer geringer. Wollen Stadt oder Stadtrat die Sanierung noch angehen, müssten sie wohl schnell tätig werden.