Ein eher unscheinbarer Holzstuhl kann Geschichten erzählen. Das weiß Holger Schwerin. Der 27-Jährige erweckte ein Sitzmöbel aus dem Magazin des Freilichtmuseums Diesdorf zu neuem Leben.

Diesdorf l Die Region liegt Holger Schwerin am Herzen. Und sie birgt Schätze. Nicht nur in der Erde, wie der Junge Archäologe der Altmark weiß, sondern auch hinter sonst verschlossenen Türen. "Ich bin oft hier im Freilichtmuseum, habe Häuser gezeichnet und durfte auch mal hinter die Kulissen schauen", erzählt der gelernte Tischler. Da fiel ihm auf, dass es hier lohnenswerte Objekte gibt, die wieder wachgeküsst werden wollen.

Das weckte seine Neugierde. Denn während seines Studiums der Holzrestaurierung an der Fachhochschule Potsdam galt es, an einem konkreten Objekt zu arbeiten, die einzelnen Handgriffe zu erlernen, die für die Tätigkeit gebraucht werden. "Ich habe im Museum nachgefragt, ob es hier etwas gibt, womit ich mich beschäftigen könnte. Beim Streifen durchs Magazin fiel mir dieser schlichte Stuhl auf. Bei meinem Professor habe ich nachgefragt, ob ich darüber schreiben kann. Er hat zugestimmt", erinnert sich Holger Schwerin, der in Groß Bierstedt aufgewachsen ist und heute in Immekath lebt.

Der Pfostenstuhl, an den einst Armlehnen angebracht waren, sage vieles über das Leben der einfachen Leute. "Ich habe gestaunt, wie kunstfertig unsere Vorfahren gearbeitet haben", beschreibt der 27-Jährige. Die Handschrift des Erbauers - das Sitzmöbel wurde im Jahr 1717 gefertigt - zeige ein großes Gefühl für Proportionen. Aus Sicht eines Restaurators sei das Objekt sehr interessant gewesen. "Es gab Insektenfraß an den Füßen. Das Sitzgeflecht war nur noch zu erahnen", blickt er zurück. Der Student konnte auf Spurensuche gehen und war begeistert, was aus solch einem Stuhl alles herauszuholen gewesen sei. "Es war ein Glücksgriff, dass ich mich mit dieser Arbeit beschäftigen durfte", zeigt sich Holger Schwerin dankbar.

Unter dem Mikroskop habe er die Holzarten bestimmt. Weide, Erle und Eiche seien zu finden gewesen. "Die Holzart des Rückenbretts ließ sich nicht bestimmen", bedauert der junge Mann.

Seine Vermutung ist, dass es sich bei dem Sitzmöbel um einen Brautstuhl handeln könnte. "Diesen bekam die Braut auf einem besonderen Wagen als Ehrensitz. Damit sie auch einen Sitz im Haus ihres Mannes hat", erzählt Holger Schwerin. Die Geschichte der Brautstühle sei in anderen Regionen Deutschlands besser erforscht als in der Altmark, weiß er.

Der Stuhl hat den Immekather einen Großteil des Studiums begleitet. Die Oberfläche war zu untersuchen. Es gab Farbreste zu entdecken und Holzarten herauszufinden, nennt er einige Aufgaben. Dann begann das Reinigen des Objektes. "Ich habe eine Hilfskonstruktion gebaut, damit die Schäden nicht größer werden", berichtet er. Das Holz an den Stuhlbeinen habe er mit Kunststoff getränkt und mit Stäbchen die fehlenden Teile ersetzt. "Wir haben verschiedene Techniken ausprobiert, wie man Altehrwürdiges restaurieren kann, ohne es modern anzupassen", sagt der 27-Jährige. Die Sitzfläche habe er ergänzt, da das alte Geflecht nicht mehr zu erhalten gewesen sei.

Der wieder zu neuem Leben erweckte Stuhl, dessen Ursprung leider nicht überliefert ist, kann jetzt im Winkelstedter Hallenhaus bewundert werden. "Vielleicht machen wir mal eine Ausstellung zu Sitzmöbeln und deren Geschichte", denkt Museumsmitarbeiterin Anke Gruß laut nach. Sie hat die Arbeit des Studenten betreut und war erstaunt, was er alles herausgefunden hat. Holger Gruß freut sich, dass das Objekt, mit dem er sich unzählige Stunden intensiv beschäftigt hat, in der Ausstellung zu sehen ist. "Das ist nicht selbstverständlich", meint er.

Bachelor-Arbeit über Rohrberger Truhe

Um Kulturgüter zu erhalten, sei nicht nur eine präventive Konservierung notwendig, sondern auch eine temperierte Lagerung, weiß Holger Schwerin. Museumsleiter Friedhelm Heinecke kann diese Aussage nur unterstützen. "Vielleicht ergibt sich die Möglichkeit, ein Magazin mit optimalen Bedingungen in Salzwedel einzurichten", regt er zum Nachdenken an.

Auch bei seiner Bachelor-Arbeit ist der 27-Jährige der Altmark treu geblieben. Diese hat er über eine Truhe geschrieben, die in der Rohrberger Kirche steht.

Wenn der Immekather über Holz plaudert, dann ist ihm die Leidenschaft anzumerken. Deshalb ist es für ihn selbstverständlich, beim Holz- und Handwerkermarkt am Pfingstsonntag, 24. Mai, mit im Freilichtmuseum Diesdorf zu sein. Dann wird er sicher nicht nur über die Geheimnisse des Pfostenstuhls erzählen.