Die Selbsthilfegruppe Schwermetall wird künftig in regelmäßigen Abständen wieder zum Erfahrungsaustausch zusammenkommen. Das ist das wichtigste Ergebnis des jüngsten Treffens in der Salzwedeler Gaststätte Eisen- Carl.

Salzwedel. Insgesamt 15 Betroffene und Interessenten aus der Altmark und dem benachbarten Wendland waren der Einladung des Salzwedelers Wienhold Weber gefolgt. Der ehemalige Erdgaskumpel (49), der seit Jahren an den Spätfolgen eines der größten Umweltskandale der DDR leidet (wir berichteten), kämpft bislang vergebens um sein Recht. Sein Körper ist nach eigener Aussage hochgradig von diversen Schwermetallen, vor allem Quecksilber, geschädigt. Doch Politik und Berufsgenossenschaft ignorieren die Problematik weitgehend.

So wird es (vorerst) keinen Landesfonds für quecksilbergeschädigte altmärkische Erdgas-Kumpel geben. Eine Petition mit einer entsprechenden Forderung ist im Dezember während der Sitzung des Petitionsausschusses des Landtages negativ beschieden worden (wir berichteten). Der gebürtige Altmärker und Autor der "Studie zur Kontamination von Arbeitnehmern mit Quecksilber bei der Erdgasförderung in der Altmark", Hermann Bubke, hatte die Petition eingereicht. Über den Bundestag versucht er, den Erdgaskumpeln zu helfen. Nicht der kranke ehemalige Erdgasarbeiter, sondern die Berufsgenossenschaft soll künftig den Nachweis für ihre Position führen.

"Kollegen hingemeuchelt"

Quecksilber, Blei, Lithium, Zinn, Zink... Dass mit dem Gas aus über 3000 Metern Tiefe seinerzeit auch eine Vielzahl hochgiftiger, teilweise radioaktiver Stoffe ans Tageslicht gefördert worden sind, belegen Studien wie das im vergangenen Jahr von Hermann Bubke veröffentlichte Papier.

Gleich tonnenweise wurde altmärkisches Quecksilber unter anderem zum Magdeburger Betrieb Fahlberg-List gekarrt. Der gebürtige Altmärker beruft sich darin unter anderem auf Berichte von Mitarbeitern des DDR-Staatssicherheitsdienstes über die unzureichenden Betriebs- und Arbeitsschutzvorkehrungen auf den Feldstationen.

An einem solchen kontaminierten Arbeitsplatz hat auch Wienhold Weber 16 Jahre als Mess- und Regeltechniker gearbeitet. Er führt seit Jahren eine Todesliste ehemaliger Kollegen. Und die wird immer länger. "Nach Stasi-Unterlagen sollen 400 Personen bei Erdgas kontaminiert gewesen sein", berichtete der Schwermetallgeschädigte während des Treffens. "Dafür gibt es keine Verjährung. Die Kollegen sind hingemeuchelt worden."

Hochgiftige Dämpfe seien jahrelang in die Umwelt geblasen worden. Das sei ein Riesenskandal, eine Sauerei, verlangt der Mann Aufklärung. Kein Arzt in Salzwedel stehe hinter den Betroffenen. Weber: "Schwermetalle lösen sich nicht in Luft auf. Quecksilber geht nie wieder aus dem Körper raus." Mit Unterstützung anderer Betroffener strebt der 49-Jährige, dem Ärzte bereits bescheinigt haben, nur noch wenige Jahre zu leben, eine Sammelklage an.

"Manche Sonden haben getickt"

"Manche Sonden haben getickt", verweist Manfred Klein, 17 Jahre beim VEB Erdgasförderung Salzwedel beschäftigt, auf die mit zu Tage geförderten radioaktiven Stoffe. Auch er ist mit Quecksilber, das die physikalische Eigenschaft besitzt, bei Zimmertemperatur zu verdampfen, in Berührung gekommen.

"Ich bin gebrandmarkt", sagte ein anderer mittlerweile pensionierter Kumpel. Vor sechs Jahren habe er Bypässe gelegt bekommen, vor eineinhalb Jahren einen Schlaganfall gehabt. "Nun kann ich schlecht laufen und habe Sehausfälle rechts. Ob es am Quecksilber liegt, sagt kein Arzt", meinte der Rentner.

Hoffen auf Entschädigung

Das sei ein Tabuthema. Denn beim einstigen VEB seien einmal über 1000 Leute beschäftigt gewesen. Viele hätten jahrelang Quecksilber eingeatmet. Und es sei nicht auszudenken, was passiert, wenn diese alle Entschädigungsforderungen aufmachen würden...

"Mal sehen, wie lange ich den Staat noch schädigen kann", übt sich ein weiterer Messtechniker des einstigen DDR-Vorzeigeunternehmens in Galgenhumor. 13 Jahre habe er gutes Geld verdient, nun Gleichgewichts-, Geh- und Sehstörungen. Von Amyotropher Lateralsklerose (ALS) und Fibromyalgie sind andere Ex-Kumpel betroffen.