Barby l "Bloß schnell weg hier, sonst fällt uns noch ein Dachziegel auf den Kopf", stand 2009 unter einem Volksstimme-Foto. Es zeigte eine Kindergärtnerin mit ihren Schützlingen, die am ehemaligen "Café Joch" vorbei spazierten.

Nach mehrfachen Notreparaturen, die der Besitzer wohl oder übel aus der Ferne in Auftrag gab, ist die Misere jetzt unübersehbar.

Vor Tagen musste der Städtische Bauhof den gesamten Fußweg sperren, da sich lösende Gebäudebestandteile mal wieder der Schwerkraft ergaben. Ein Nachbar hatte bei der Leitstelle angerufen, die wiederum die freiwillige Feuerwehr in Marsch setzte, um die Gefahr zu bannen.

Teile der Barbyer Altstadt bieten einen trostlosen Anblick, wie das Beispiel der "Caféecke" verdeutlicht. Der Volksmund nennt sie so, weil hier einst das "erste Café am Platze" mit dem gegenüber liegenden Hotel Conrad gastronomische und kulturelle Akzente setzte.

Das Gebäude steht seit Jahren leer, wird von der in Zerbst lebenden Eigentümerin mehr schlecht als recht gesichert. Der Stadtverwaltung sind die Hände gebunden, solange keine Gefahr von den Häusern ausgeht. Tut sie es doch, wie Falle der "Caféecke", wird beim Eigentümer Druck gemacht. Ist der nicht in der Lage oder reagiert nicht, kann der Salzlandkreis eine "Ersatzvornahme" anordnen. In Regie des Kreis-Bauordnungsamtes würde das Objekt abgerissen, die Kosten dem Hauseigentümer in Rechnung gestellt.

Wie Heike Wiermann vom Barbyer Ordnungsamt mitteilte, begutachten Vertreter des Bauordnungsamtes kommende Woche das Objekt. Danach entscheidet sich was wird.

Bagger schaffte endgültige Verhältnisse

2011 hatte die Stadt ein Büro für Architektur und Stadtplanung beauftragt, bauliche Entwicklungschancen der Elbestadt auszuloten. Die Ergebnisse wurden damals in der Ortschaftsratssitzung vorgestellt. Als die Architektin mit Hilfe eines Stadtplans den Leerstand an die Wand projizierte, ging ein leichtes Raunen durch die Reihen der Ortschaftsräte. Schön gleichmäßig überzogen rot markierte Gebäudestandorte die Karte. Sie reichten von der Brache mittelständischer und landwirtschaftlicher Betriebe bis zu alten Einfamilienhäusern.

Anhand von Fotos wurden Beispiele gezeigt, die besonders das Erscheinungsbild der Altstadt belasteten: Café Joch, Druckerei Huhn, Konfektionswaren Helling, Barockhaus Breite, Nebenhaus der Post ... Bei vielen kommt jegliche Sanierung zu spät, andere sind bereits abgerissen, bei einigen sah die Fachfrau verhalten Chancen.

Im vergangenen dreiviertel Jahr schaffte der Bagger bei zwei dieser Häuser endgültige Verhältnisse. Eines gehörte der Wohnungsbaugesellschaft, das andere war im Privatbesitz. Zuvor verschwanden in der Postgasse/Breite und Schulzenstraße zwei Gebäude. In der Breite befindet sich aktuell ein Barockhaus in Auflösung. Nun dürften die Tage der ortsbildprägenden "Caféecke" auch gezählt sein. Das seit über 20 Jahren leer stehende Haus verfällt immer mehr und ist nicht mehr sanierungsfähig.

Wie das Statistische Landesamt mitteilte, reduzierte sich in Sachsen-Anhalt der Wohnungsbestand im vergangenen Jahr durch Abgänge um 5123 Einheiten. Dies war der höchste Wert der letzten fünf Jahre.

Gemeldet wurde der Abriss von 236 Ein- und Zweifamilienhäusern. Weiterhin wurde den Baubehörden die Beseitigung von 507 Mehrfamilienhäusern mit 4770 Wohnungen angezeigt. Bei letztgenannter Bauwerkskategorie befanden sich 94 Prozent der Wohnungen in Gebäuden, die nach 1970 errichtet wurden. Damit bilden Plattenbauten weiterhin den Abrissschwerpunkt bei den Wohngebäuden.

Weiterhin wurden im vergangenen Jahr 435 "Nichtwohngebäude" mit einer Nutzfläche von 336000 Quadratmetern beseitigt. Dabei handelt es sich in erster Linie um landwirtschaftliche Betriebsgebäude, Fabrik- und Werkstattgebäude sowie Büro und Verwaltungsgebäude.

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