"Harmonium und Männerchor, so stell ich mir die Hölle vor", witzelte man früher. Dieser nicht gerade schmeichelhafte Satz wurde von keinem Geringeren als dem Oscherslebener Kantor Werner Jankowski zitiert, als in der Pömmelter Kirche ein restauriertes Harmonium wiedereingeweiht wurde.

Pömmelte l Das Harmonium hat es früher wirklich nicht leicht gehabt: Die vielen herzigen Beinamen wie Choralpumpe, Psalmenquetsche oder Halleluja-Vergaser beziehen sich zumeist auf seine liturgische Funktion.

Doch wie es so ist, mit dem Zeitgeschmack, heute sieht man die Sache etwas anders. Erstens, weil die Zeit alle Schmähwunden heilt und zweitens, weil das Instrument selten geworden ist.

Bei einem Arbeitsbesuch in der St. Johanniskirche begutachtete Werner Jankowski in seiner Eigenschaft als Orgelsachverständiger vor einigen Monaten das über hundert Jahre alte Harmonium. Und war entzückt über dessen Zustand. Freilich musste da einiges repariert und gestimmt werden. In einer Kirche mit vollkommen desolater und unbespielbarer Orgel wäre dieses schöne Stück aber die bessere Alternative, als beispielsweise ein modernes Keyboard. "Wenn Sie es nicht mehr haben wollen, nehme ich es mit." Mit dieser Suggestivfrage machte er das Harmonium für die Kirchengemeinde interessant. So kam es, dass die Gemeinde es reparieren ließ.

Das Harmonium wurde am vergangenen Sonntag wiedereingeweiht. Werner Jankowski und Friedburg Unger (Duo "Doppelt klingt besser") spielten zwei Stücke sogar vierhändig, was bei der knappen Breite des Manuals eine kuschlige Angelegenheit war.

Werner Jankowski wusste zwischen den Musikstücken über die Geschichte des Instrumentes Interessantes zu berichten, hatte auch einige Episoden parat. Er sprach von Saugwind- und Druckwindausführungen, Kniehebeln zur Registerzuschaltung oder List und Tücke der Musikindustrie.

So gierte Letztere nach dem US-amerikanischem Saugwind-Prinzip, da man in Deutschland nur mit Druckwind arbeitete. Dann bediente man sich eines Kniffs, der sehr an heutige Praktiken der Wirtschaftsspionage erinnert. In Amerika wurde eine Herstellungsmaschine verschrottet und nach Deutschland gebracht. (Die Inder des Sangerhausener Mifa-Werkes lassen grüßen ...) Nun brauchte man die Saugwindzungen nicht mehr aus den USA zu importieren. 1911 errichtete Theodor Mannborg in Pegau (eine kleine Stadt 20 Kilometer westlich von Borna) die erste europäische Fabrik für Saugwindzungen. "Doch nun passierte was typisch Deutsches: Die waren etwas stärker als die amerikanischen und klangen nicht", so Werner Jankowski.

Seine Blüte erlebte das Harmonium gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als es als eine Art Heimorgel und Hausinstrument des bürgerlichen Mittelstands, als Ersatz für Pfeifenorgeln in kleineren Kirchen, aber auch als veritables Konzertinstrument entdeckt wurde. Auch "Salonorchester" nutzten regelmäßig das Harmonium. In der westlichen Welt wurden zeitweise (um 1900) doppelt so viele Harmonien wie Klaviere verkauft.

Auch in religiösen Versammlungen spielte das Instrument eine Rolle, weil es dem Klang der Orgel nahekam, aber billiger war und auch in kleineren Räumen aufgestellt werden konnte. Von den deutschen Harmoniumbau-Firmen sind insgesamt deutlich über eine halbe Million Instrumente hergestellt worden. In der DDR wurde es sogar bis 1990 gebaut.

"In der DDR wurde das Harmonium länger verwendet, weil man ja hier auch auf alles länger warten musste", sagte Werner Jankowski.

Vielleicht ist das Pömmelter Harmonium der Firma Mannborg, die sich stolz den Zusatz Großherzoglich-Sächsischer Hoflieferant gab, deswegen heute noch da.

Das Duo "Doppelt klingt besser" verzichtete übrigens auf sein Honorar. Wie Pfarrer Björn Teichert sagte, komme das Geld einem ambitionierten Pömmelter Vorhaben zugute. Die Gemeinde will sich zwei neue Glocken anschaffen.

 

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