Jeden Mittwoch treffen sich die Frauen von der Tiffany-Gruppe um Fensterbilder, Broschen oder Uhren zu fertigen. Dazu bedarf es feiner Glasstücke, eines Lötkolbens und natürlich einer ruhigen Hand.

Eggersdorf l Mittwoch, 16 Uhr. Ein kleiner Hinterraum in der Heimatstube Eggersdorf. Der Geruch von verbranntem Papier liegt in der Luft. Fünf Frauen, allesamt vornübergebeugt, schauen durch ihre Brillengläser auf vor ihnen liegende Glasarbeiten. "Frau Gebhardt hat ihre Unterlage angesengt", sagt Christian Agahd mit einem Augenzwinkern. "Daher kommt der Geruch."

Agahd kennt sich aus. Er leitet die fünfköpfige Gruppe an. Seit 20 Jahren schon begleitet er Tiffany-Gruppen mit seinem Fachwissen. Er weiß, wie es riecht, wenn gelötet oder verkupfert wird. Tiffany-Glaskunst geht auf den Erfinder Louis Comfort Tiffany, einen amerikanischen Maler und Glaskünstler, zurück. Bis heute ist diese Technik der Glasverarbeitung auch ein beliebtes Freizeitvergnügen.

Farbige Glasteile werden mithilfe einer Kupferfolie und durch den Einsatz von Lötzinn miteinander verbunden. Die überall im Raum verteilten verspielt-verschnörkelten Fensterbilder zeugen von einer engen Verwandschaft der Tiffany-Kunst zum Jugendstil. Am Eingang des kleinen Raumes sitzt Ingelore Papst (80) vor einem fast fertiggestellten Fensterbild. Sie ist seit 20 Jahren Mitglied der Gruppe. Ihre Passion für Kunsthandwerk kommt nicht von ungefähr. Sie hat zeit ihres Lebens in Schönebeck Kunst unterrichtet.

Neben ihr hantiert Doris Spengler mit verschiedenen kleinen Glasstücken, aus denen eine Eule entstehen soll. "Mir fällt es nicht leicht zu erkennen, welche Farben zueinander passen", gibt die 57-jährige Angestellte unumwunden zu. Da kommt es ganz gelegen, dass Christian Agahd gerade hinter ihr steht und Tipps geben kann. Glücklich über die Berichterstattung sei er freilich nicht. Warum?

"Mit 73 darf man auch mal kürzertreten. Wenn Sie darüber berichten, kommen doch wieder neue Interessenten", befürchtet Agahd. Die Angst, dass er das Schleifen der Glasteile oder das Patinieren nochmal von Beginn an erklären muss, lässt ihn sichtlich erschaudern. "Der muss weitermachen, der Herr Agahd", poltert die pensionierte Büroangestellte Edith Wittmann. Unvorstellbar erscheint es, dass sich der frühere Biologielaborant und Verfahrenstechniker Agahd nur mehr aufs Private konzentrieren könnte.

Tiffany-Kunst als beliebtes Geschenk

Die 76-Jährige, die von allen aufgrund ihrer anfänglichen Spezialisierung auf den Arbeitsschritt des Glasschleifens nur "Edith, die Schleiferin" genannt wird, bekräftigt, dass die Beschäftigung mit Tiffany-Glas große Vorteile habe: "Ich beschenke die gesamte Verwandtschaft und Bekanntschaft mit Bildern." In der nächsten Woche, so vermeldet sie euphorisch, soll das vor ihr liegende Bild fertig werden.

Einmal in der Woche treffen sich die Frauen unter Anleitung von Christian Agahd in der Heimatstube zur Glasbearbeitung. Froh sind sie, dass sie nach mehreren beschwerlichen Umzügen hier nun eine feste Heimat gefunden zu haben scheinen.

Die Frage, ob die Zusammenkunft in den Eggersdorfer Räumlichkeiten auch zum Plaudern genutzt werde, wird nur zaghaft bejaht. Tatsächlich vermittelt sich dem Betrachter der Eindruck, dass eherne Disziplin und die konzentrierte Beschäftigung mit der eigenen Arbeit an erster Stelle stehen. Das gilt auch für Gisela Biernath (72), ehemalige Sport- und Biologielehrerin, die als Künstlerin unter den Gruppenmitgliedern gilt.

Schwibbögen und gläserne Tierkreiszeichen

Im Moment fertigt sie eine Lampe für den Außenbereich, die später einmal mit Solarlampen betrieben werden soll. Stolz zeigt sie Fotografien ihrer bisherigen Arbeiten: darunter ein weihnachtlicher Schwibbbogen, gläserne Tierkreiszeichen für die Enkelkinder und stilisierte Hochzeitsringe.

Mit einem Überbleibsel aus der Weihnachtszeit beschäftigt sich am äußeren Ende des Werktisches Adelheid Gebhardt. Die 74-Jährige ist während der besinnlichen Tage nicht mit ihrem Krippenmotiv fertig geworden. "Das kann ich ja auch zum nächsten Weihnachtsfest nutzen", freut sich die pensionierte Laborassistentin.

Auch ihr scheint die filigrane Handarbeit - nicht allein aufgrund ihrer früheren Arbeit - im Blut zu liegen. Der Zeiger der Uhr ist inzwischen bis zur Sechs vorgerückt. Die Frauen der Tiffany-Gruppe räumen ihre Arbeitsplätze auf.

Christian Agahd hat die Eggersdorfer Heimatstube bereits verlassen. Er weiß, dass man den Frauen nicht mehr ständig über die Schulter schauen muss - es sei denn, sie zündeln mal wieder aus Versehen an ihren Unterlagen.

 

Bilder