Calbe/Barby/Schönebeck l Als unlängst Gäste aus Farmers Branch (USA), Schönebecks Partnerstadt, in Deutschland sind, buchen sie eine Flusskreuzfahrt von Bad Schandau bis Hamburg. Die Gäste aus Texas sind begeistert ob der naturbelassenen Flusslandschaft. "So etwas schönes haben wir bei uns nicht", verkündet im breiten texanischen Slang Tom Laney. Vermutlich denken die Gästen aus dem fernen Amerika, dass alles entlang der Elbe künstlich angelegt ist, so eine Art Disneyland.

Umso größer ist das Erstaunen, dass die Natur an Elbe und Saale noch Natur sein darf. Und geht es nach den Organisatoren des Elbe-Saale-Aktionsbündnisses und Flussregenpfeifer soll es auch so bleiben. Die Naturschützer laden in diesem Jahr zum 23. Elbe-Saale-Camp nach Barby ein und stellen die Woche unter den Titel: "Elbe und Saale als Lieblingsorte".

Müde werden die Flussschützer nicht. Sie sind 365 Tage im Jahr vor Ort, um Anwalt für Saale und Elbe zu sein, um die Stimme zu erheben und unbequem zu sein. Denn solange Land und Bund über den Bau des Kanals ernsthalft nachdenken, solange werden Ernst Paul Dörfler und Jutta Röseler gemeinsam mit vielen anderen Menschen dem Kampf gegen das in ihren Augen unsinnige Kanalbauprojekt ein Gesicht geben.

In den vergangen 23 Jahren haben sich die Naturschützer zu wahren Experten entwickelt. Sie wissen inzwischen teilweise mehr als so mancher Lokalpolitiker, können mit Zahlen argumentieren und Aussagen schnell widerlegen. Langsam stimmen sie mit Schiffsfahrern übereinen, die fordern: Erhalt geht vor Neubau. "Geld sollte zunächst für den Bestand ausgegeben werden", so Dr. Ernst Paul Dörfler. Seinen Informationen nach haben sich die Kosten für den möglichen Saalekanal in den vergangenen zehn Jahren schon fast verdoppelt: "Inzwischen wird das Projekt mit 100 bis 150 Millionen Euro veranschlagt."

Geld, was der Bund für den geringen Nutzen eigentlich nicht aufbringen sollte, so Jutta Röseler. "Das Kosten-Nutzen-Verhältnis steht nach wie vor unter einem schwachen Licht", gibt die Glinderin zu bedenken. Aus diesem Grund hält sie das Bauvorhaben auch für gescheitert und die Aufnahme des Kanals in den Bundesverkehrswegeplan in den vordringlichen Bedarf als Fehlentscheidung.

Jutta Röseler, der Sprecherin des Elbe-Saale-Aktionsbündnisses, ist wichtig, dass Flüsse mehr sind als "Wasserstraßen" und - neben ökonomischen und ökologischen - noch viele andere Aufgaben und Nutzen haben. "Wobei für mich Ökologie und Ökonomie keinen Gegensatz darstellen, denn ich denke, gute Ökonomie funktioniert nur langfristig gesehen und nur ökologisch."

Da ist sie im Moment gedanklich gar nicht so weit von Landrat Markus Bauer (SPD) entfernt, der zwar eine Meinung hat, aber sich nicht konkret für Pro oder Kontra entscheidet, sondern mit einem "entschiedenen vielleicht" antwortet: "Ökologische sowie wirtschaftliche Gründe, der Hochwasserschutz und der Tourismus müssen so gut wie möglich in Einklang gebracht werden", lässt er gestern auf Anfrage der Volksstimme mitteilen. Ein noch im Kreistag Schönebeck mehrheitlich gefasster Beschluss ist von einem aktuellen aus dem Jahr 2008 zum Landesentwicklungsplan, der auch eine Aussage zum Saalekanal trifft, überholt und damit aus der Welt.

Landrat Bauer bekräftigt, dass er nach wie offen ist - in alle Richtungen. Das werden die Mitgestalter des Aktionsbündnisses mit Wohlwollen vernehmen. Denn sie planen zum Elbe-Saale-Camp in diesem Jahr keine großen Podiumsdiskussionen. "Gesagt ist genug", so Jutta Röseler.

Sie befürwortet das Konzept, wonach die Saale nicht als Rest- oder sonstige Wasserstraße betrachtet wird, sondern als Chance für den sanften Tourismus, der kulturelle Höhepunkte mit dem Naturerleben verbindet. Darauf zielt in diesem Jahr auch das Elbe-Saale-Camp, das im Übrigen vom 26. Juli bis 1. August bei Barby stattfinden wird, ab: "Lieblingsorte".

Politiker, Unternehmer und Anwohner an den Flüssen sollen zu ihren Lieblingsorten an den Flüssen befragt werden. Unter anderem dann Landrat Markus Bauer, der in Nienburg (Saale) wohnt und in Bernburg (Saale) arbeitet. Auch Sachsen-Anhalts Verkehrsminister Thomas Webel (CDU) und Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) sollen zu ihren Lieblingsorten befragt werden. Da werden die Mitglieder des Aktionsbündnisses nicht müde: Es muss weh tun. Immer wieder. Jahr für Jahr.