Barby l An den zuweilen sperrigen Altmärker erinnert man sich gerne wegen seiner Zitate. "Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd."

Vielleicht hatte der Reichskanzler bei dieser Weisheit seine Barby-Besuche im Hinterkopf. Dorthin fuhr er gerne zur Jagd, war Gast im Hause von Rittergutsbesitzer und Reichstagsabgeordneten Adolph Dietze (erst 1888 von Kaiser Friedrich geadelt). Dietze bezeichnete ihn als Freund, ungekehrt war es auch so. Zwei Männer, die vermutlich nicht nur politisch ähnlich tickten.

Otto von Bismarck wurde zum Gründervater und ersten Kanzler des Deutschen Reiches. Er steht für soziale Reformen, aber auch für den Kampf gegen Sozialisten und katholische Kirche.

SPD war dagegen
Abneigungen, die bis heute nachwirken. Als der Barbyer Hauptausschuss kürzlich über die Anbringung einer Gedenkplakette am Haus der Begegnung abstimmen musste, war die SPD dagegen. Bismarck hätte auch seine "dunklen Seiten" gehabt.

Dieser Argumentation folgte allerdings nicht die Mehrheit, so dass Bürgermeister Jens Strube und Initiator Cord Proske heute um 10 Uhr die Enthüllung vornehmen. Die Ära Bismarck endete 1890, doch der Mythos Bismarck währt weit über seinen Tod hinaus.

Der Politiker hielt sich mehrfach in Barby auf. Wie die Chronik von 1913 beschreibt, wurde dem Reichskanzler ein gebührender Empfang bereitet. Dann rollte er mit der offenen Kutsche durch das Elbestädtchen, das Ende des 19. Jahrhunderts rund 5500 Einwohner zählte. "Jungfrauen" in weißen Kleidern jubelten ihm in der ersten Reihe zu, die Straßen waren festlich geschmückt.

Auch der "Heimatkalender des Kreises Calbe" von 1938 weiß über den Reichskanzler eine etwas kauzige Episode zu berichten:

Als Gesandter Preußens beim Bundesrat in Frankfurt am Main wohnte Bismarck eine Zeitlang in einem Hotel, in dem auch Vertreter anderer Staaten logierten. Zu seinem Verdruss musste er bald feststellen, dass die Zimmer der anderen Herren mit Glocken versehen waren - sein Zimmer aber nicht. Bismarck bat den Besitzer, auch sein Zimmer mit einer Glocke versehen zu lassen. Der lehnte jedoch mit der Bemerkung ab, dass bis jetzt jeder Reisende mit den Bedingungen zufrieden war und noch keiner eine Glocke vermisst habe.

Während der Sitzungen hatte bisher allein der Vertreter Österreichs geraucht;dieser Brauch war von den anderen Gesandten stillschweigend als Vorrecht des damals noch bedeutendsten Bundesstaates betrachtet worden. Bismarck steckte sich bei einer weiteren Sitzung ebenfalls eine Zigarre an, um auf diese Weise die Gleichberechtigung Preußens zu betonen. Er wäre sicher nicht auf den Gedanken gekommen, in den Sitzungen zu rauchen, wenn er sich nicht herausgefordert gefühlt hätte. Wahrscheinlich hätte der Reichskanzler die Glockenangelegenheit auf sich beruhen lassen, wenn er nicht begründeten Verdacht gehabt hätte, dass hinter der Weigerung des Hotelbesitzers wie bei vielen anderen Nadelstichen Umtriebe der Gegner zu suchen seien; er sann auf durchgreifende Abhilfe.

Lautstarker Ersatz

Am Morgen nach der Unterhaltung mit dem Hotelier dröhnte eine Detonation durch das Haus. Entsetzt liefen der Besitzer, das Personal und die Gäste zusammen, und aufgeregt rannte man durch die Flure, um die Ursache für die Explosion festzustellen. In der ersten Verwirrung vermutete man ein Attentat.



Da verschiedene Personen wahrgenommen hatten, dass das schussartige Geräusch aus Bismarcks Zimmer gedrungen war, klopfte man bei ihm an. Seelenruhig lächelnd stand Bismarck in Erwartung der Besucher mitten im Zimmer. Auf dem Tisch lag der noch rauchende Revolver.

"Ich bedaure, dass ich Sie erschrecken musste, aber Sie wissen ja, dass ich keine andere Möglichkeit zum Rufen der Bedienung habe", sagte er. Die Gesandten staunten betreten und sehr verblüfft, der Hotelbesitzer wand sich vor Verlegenheit. Zwei Stunden später war auch Otto von Bismarcks Zimmer mit einer Glocke versehen.

 

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