Schönebeck l Gibt es in Schönebeck eine Bededrohung durch Fundamentalisten? Muss man in der Elbestadt Angst vor extremen, religiösen Gruppierungen haben? "Nein", sagte Dr. Martin Hochholzer, Referent für Sekten- und Weltanschauungsfragen bei der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral. Der promovierte Theologe war in Schönebeck zu Gast und erklärte, wann aus Fundamenten denn Fundamentalismus wird.

Dies sei vor allem der Fall, wenn "die Grundlagen in Gefahr sind". Diese jedoch werden nicht mit Gewalt verteidigt, wie heute oftmals Fundamentalisten dargestellt werden. "Der ureigne Fundamentalismus ist gewaltfrei", beschreibt Hochholzer, "und das Wort ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch gar nicht so negativ belastet gewesen, wie es jetzt ist."

Damals kam diese Bezeichnung für Menschen mit einem starken Glauben auf, die jedoch nicht Gewalt im Sinne hatten.

Erst über die Jahrzehnte hinweg wurde Fundamentalismus in den christlichen, muslimischen aber auch anderen Religionen gewaltbereiter und negativer in der Wahrnehmung.

In der christlichen Religion ist vor allem die protestantische Kirche für fundamentalistische Strömungen anfällig. "In der katholischen Kirche herrscht die Lehre", erklärt Dr. Hochholzer. Aber genau diese gebe es in der evangelischen Kirche nicht, sodass eine Abspaltung leichter möglich ist.

Solche Strömungen sind vor allem in den Vereinigten Staaten zu finden. "In Deutschland sind sie generell viel schwächer ausgebildet", führt der Experte aus. "In Schönebeck haben wir", ergänzt Pfarrer Dr. Thomas Thorak, "meines Wissens auch keine Piusbrüder." Diese Glaubensgemeinschaft ist eine der wenigen katholischen fundamentalistischen Gruppierungen.

"Auch evangelische Fundamentalisten sind mir nicht bekannt", wagt Thorak auch den Blick zur Bruderkirche. "Anders sieht das in Sachsen aus, wo es einige evangelikale Fundamentalisten gibt", berichtet Martin Hochholzer. Aber insgesamt gebe es für Deutschland kein Problem. Ein anderes Urteil fällt der Experte bei seinem Vortrag im Schönebecker Dr.-Carl-Hermann-Gymnasium, wenn er wieder auf die USA blickt. "Hier fallen die kreationistischen Christen auf, die auch einen politischen Einfluss haben", so Hochholzer. Kreationisten glauben an die wörtliche Auslegung der Heiligen Schrift und so beispielsweise an die Schöpfung der Welt in genau sieben Tagen.

Vor einigen Jahren führte das zu einer heftigen Debatte in den Vereinigten Staaten, so der Fachmann für Sektenforschung: "In Deutschland ist es wirklich komplett anders und vor allem viel schwächer."

So hat auch der katholische Geistliche, Thomas Thorak, bisher in seiner Laufbahn noch keinen Kontakt mit extremen Fundamentalisten gehabt. "Mit Fundamentalisten schon", grenzt er ein, "aber gewalttätige kenne ich nicht. Vielmehr haben wir uns philosophisch auseinandergesetzt."

In der anschließenden Diskussion wurde aus dem Publikum zügig auf den islamischen Fundamentalismus und die Vorurteile gegenüber dieser Religion gelenkt. Die Angst ist teilweise unberechtigt, vor allem in den östlichen Bundesländern. "Hier leben nur knapp zwei Prozent der muslimischen Bevölkerung Deutschlands", klärt Martin Hochholzer auf.

Verhindern lasse sich Fundamentalismus in Deutschland zu einem großen Teil durch Integration, ergänzt Pfarrer Thomas Thorak. "Wir müssen uns dabei aber auch selbst hinterfragen und nicht nur die Gefährdung bei anderen, sondern auch bei uns sehen."