#NULL#Bereits zum zweiten Mal in dieser Woche mussten Bahnreisende gestern Morgen erhebliche Wartezeiten und Verspätungen in Kauf nehmen. Die Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL) hat ihre Mitglieder für den Vormittag erneut zu Warnstreiks aufgerufen. Auch das Salzland war betroffen. Auf den Bahnhöfen in Schönebeck und Staßfurt regte sich ab 8.30 Uhr drei Stunden lang nichts.

Schönebeck/Staßfurt. "Nicht einsteigen" steht auf der Anzeigentafel der S-Bahn, die Freitagmorgen im Schönebecker Bahnhof auf Gleis 1 steht. Der Zug ist leer, kein Reisender steht auf dem Bahnsteig. Anders sieht es gegen 11 Uhr gegenüber auf Gleis 4 aus. Hier warten Menschen. Auch ein Regionalexpress ist eingefahren. Es ist der Zug von Halle nach Magdeburg. Abfahrtszeit 8.39 Uhr. Doch die Räder stehen still. Immer wieder kommen Reisende aus den Wagons, rauchen oder ziehen sich einen Kaffee am Automaten. Das große Warten.

Unter der Anzeigentafel, ihre Felder sind leer, und der Uhr warten zwei junge Männer. Einer von ihnen will nach Wuppertal. Sechs Stunden Fahrzeit hat ihm die Fahrplanauskunft vorausgesagt. "Das werden jetzt auf jeden Fall mehr", sagt der Mann, geduldig, die Hände in den Hosentaschen. Überraschend kam der Streik der Lokführer für ihn nicht. "Da will man einmal mit den Zug fahren und dann das", sagt er leicht ironisch und lächelt.

Der Reisende kann Verständnis für die erzwungene Auszeit aufbringen, die ihm die Lokführer verordnen. "Die Tickets werden immer teurer, dafür gibt aus kaum noch Service. Und bei den Lokführern kommt sicherlich auch nicht viel an."

Verschiedene Meinungen zum Streik

Auf dem Bahnsteig unterhält sich der junge Mann mit einem anderen. Der will nach Magdeburg, wartet auch. "Es ist gut, dass gestreikt wird", sagt er und wird grundsätzlich. "Die Menschen müssten viel mehr protestieren. In Griechenland, zwar unter anderen Bedingungen, gehen die Leute auch auf die Straße. Das haben wir in Deutschland verlernt." Die Sympathien schwingen für die Lokführer, "die eine hohe Verantwortung haben und dafür auch gerecht entlohnt werden sollten". Bestärkt sind die beiden Männer, weil sie sich nicht allein gelassen fühlen auf dem Schönebecker Bahnhof. "Der Lokführer hat uns informiert, dass es um 11.30 Uhr weitergeht." Tatsächlich schiebt er die Scheibe runter, wenn Reisende an der Tür zur Lokomotive klopfen und nachfragen.

Ein älteres Paar aus Schönebeck beobachtet das, nutzt die Gelegenheit, nach der eigenen Route zu fragen. Das Verständnis für den Streik hält sich bei ihm aber in Grenzen. "Ich verstehe das nicht", sagt die Frau. "Der Streik wird auf dem Rücken der Reisenden ausgetragen. Die können am wenigsten an der Situation der Lokführer ändern."

Auskünfte erreichen die Reisenden

Ihr Mann kommt dazu. Im Gespräch wird deutlich, dass er selbst 40 Jahre lang Lokführer war. Was seine Kollegen machen, kann der Schönebecker nicht billigen. "Die GDL streikt für die Anpassung der Gehälter von Lokführern privater Unternehmen. Das die Bahn-Leute mitmachen, passt doch nicht", schimpft er. Es gebe so viele "Baustellen", wie die Angleichung der Ost- und Westgehälter bei den Lokführern. "Danach fragt keiner!" Um 8.26 Uhr wollte das Paar vom Schönebecker Bahnhof in Richtung Thüringen aufbrechen. "Wir haben Donnerstagabend die Ankündigungen in den Nachrichten gehört", berichtet die Seniorin. Bevor es Freitagmorgen auf die Reise ging, haben die beiden deshalb immer wieder bei der Hotline der Bahn angerufen. "Am frühen Morgen konnte keiner etwas sagen. Aber als der Streik losging, hatte die Bahn auch Auskünfte, welche Strecken betroffen sind."

Die Bahn hatte angekündigt, auf den Hauptverkehrslinien extra Servicepersonal und Schienenersatzverkehr einzurichten. Bahnsprecher Jörg Bönisch berichtet, dass sei in Magdeburg der Fall gewesen. Hier wurden die Reisenden mit Heißgetränken und Getränke-Gutscheinen versorgt. Busse fuhren nach Angaben der Pressestelle in Aschersleben. Jörg Bönisch: "So konnten wir wenigstens punktuell die Auswirkungen mildern."

80 Prozent des Angebots fallen aus

In Schönebeck und Staßfurt war davon nichts zu sehen. In der Salzstadt war die Situation eher ruhig. Hier gab es kaum Leute, die warteten. Im Bahntunnel der Elbestadt aber funktionierte der Serviceterminal der Bahn. Auf Knopfdruck meldete sich eine freundliche Stimme und gab Auskünfte, wann Züge eintreffen könnten. Hier erfährt eine junge Frau gerade, dass ihr Zug nach Staßfurt (noch) nicht fährt. "Verständnis?", sagt sie. "Ja und Nein. Irgendwie ist immer was. Im Winter sind Oberleitungen vereist, im Sommer fallen Klimaanlagen aus. Jetzt streikt das Personal."

Halb 12 fuhren die Züge wieder. Doch die Verzögerungen zogen sich durch den gesamten Tag und Anschlüsse passten hinten und vorn nicht mehr. Nach Angaben vom für Mitteldeutschland zuständigen Bahnsprecher Jörg Bönisch waren alle drei Bundesländer, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, gleich stark betroffen. "80 Prozent des Leistungs- angebotes fielen komplett weg!"

Günstig sei es gewesen, dass nach 8 Uhr der Berufsverkehr bereits vorbei war. Doch die weitere Reiseswelle am Nachmittag bemerkte die Verspätungen noch lange.

 

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