Einen Solisten mit weltweit bekanntem Namen durfte das Publikum am Freitagabend im Schönebecker Tolberg-Saal begrüßen. Valery Oistrach intonierte mit den Mitteldeutschen Kammerphilharmonikern Wiener Klassik im Rahmen der Anrechtsreihe Klassik.

Schönebeck (dw). "Bach, Sarabanda", sagt Valery Oistrach kaum hörbar, schließt die Augen kurz und beginnt, den gleichnamigen Satz aus der zweiten D-Moll-Solopartita von Johann Sebastian Bach zu spielen. Ganz für sich steht der Virtuose auf der Bühne des Dr.-Tolberg-Saals, ganz für sich steht der Ton seines Instrumentes im Raum, in dem über 200 Konzertbesucher sitzen. Intim, still, unaufgeregt verabschiedet sich Valery Oistrach, dessen Name fast schon genau so mit der Geigenkunst in Verbindung gebracht werden könnte wie der von Stradivari.

Vorausgegangen waren stehende Ovationen des Publikums nach dem D-Dur-Violinkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart im ersten und die F-Dur-Romanze zu Beginn des zweiten Teils des Anrechtskonzertes "Wiener Klassik" der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie. In beiden Fällen grandiose Musik, die die Tradition des Violinkonzertes der Barockzeit inhaltlich aufgreift, formal aber symphonisch werden will in ihrem Umgang mit musikalischen Themen und Motiven. Dabei ähneln sich die Romanze und das Andante cantabile, der langsame Satz aus dem Mozart-Konzert, am meisten. Cantabile drückt aus, worum es geht: Die Musik ist vom Gesang her gedacht. Wie ein Solist in einer Arie ist der Solovioline breiter Raum gegeben. Das Orchester ist wahrhaft in der Rolle des Begleiters, spielt Akkordachtel als Begleitung schillernder, melancholischer, frecher, in sich gekehrter Melodielinien der Geige, setzt nur gelegentlich Akzente bei Harmoniewendungen oder Phrasenenden. In den Ecksätzen des Mozartwerkes ist das anders. Schon der Unisono-Auftakt des ersten Satzes sagt: "Hier bin ich!" und macht die Musiker zu gleichberechtigten Partnern das Solisten. Mozart komponiert das aus: Musikalische Motive werden hin- und hergereicht, im Schlusssatz Rondeau hält man sich mit Rhythmuswechseln in Trapp.

Valery Oistrach kann gerade im langsamen Satz des Mozart-Konzertes und den verinnerlichten Momenten der Beethoven-Romanze überzeugen. Im zweitgenannten Stück findet er einen wunderbaren Ton, lässt seine Geige singen, weinen, lachen, erzählen. Hier setzt er das Vibrato als Gestaltungsmittel sparsamer ein als bei Mozart, dadurch auch überzeugender. Ansonsten ist der Geigenton brillant, das Können Oistrachs unbestritten. In den improvisierten Kadenzen, den selbsterdachten Einleitungen zu den Satzschlüssen bei Mozart, vermag Oistrach so auch den letzten Musikliebhaber durch Ideenreichtum in den Gestaltungsmitteln zu überzeugen.

Auf der Tolberg-Bühne besticht der dritte Spross der berühmten russischen Geigerfamilie aber nicht nur durch technische Perfektion und virtuoses Spiel, sondern durch das das Auskosten der ruhigen Musik. Getragen wird er von den Philharmonikern unter der Leitung von Wolfgang Rögner. Der Dirigent wählt bei allen Stücken des Abends gelassene Tempi, ohne in den schnellen Sätzen davonzurasen. So wundert es nicht, dass nach der Beethoven-Romanze, es sollte noch eine Sinfonie folgen, das Publikum nicht mehr auf den Sitzen bleibt und stehend minutenlangen Applaus spendet, Blumen auf die Bühne bringt, bis Valery Oistrach besagten Bach gibt.

Ein Blick in das Programm verwundert über die Programmgestaltung - das wäre doch ein wunderschöner Abschluss gewesen. Die fünfte Es-Dur-Sinfonie von Franz Schubert ist aber noch angesetzt. Und schon beim ersten Satz ist man überzeugt, kein aufgesetzter, sondern ein echter Abschlusspunkt für das 7. Anrechtskonzert. Die Musiker der MKP in Höchstform. Das Stück, Orchestermanager Hans-Jörg Simon berichtet, dass es bereits früh auf CD aufgenommen wurde, liegt in Händen und Lippenansätzen der Instrumentalisten. Wolfgang Rögner dirigiert es delikat und arbeitet vor allem harmonische Wendungen, die immer wieder zu Hör-Überraschungen führen, heraus. Die Steigerung innerhalb der Sätze, vom Allegro über ein Andante zu Menuetto und Allegro vivace war fulminant, über der gesamten Symphonie lag eine alles verbindende Spannung. Und auch wenn beim Konzert am Sonnabend im Dr.-Tolberg-Saal der russische Gast, Stargeiger Valery Oistrach, überragend punktete, für die Philharmoniker war es ein wunderbares Heimspiel.