Der 95-jährige Otto Ohle aus Elbenau ist seit Kindesbeinen Brieftaubenzüchter. Durch das Abdriften einer seiner Tauben in Richtung Westen entwickelte sich 1972 eine bemerkenswerte Brieffreundschaft. Sie kam dadurch zustande, weil der heimkehrende Vogel einen winzigen Brief unter dem Ring mitbrachte.

Schönebeck. Im Juli 1972 traut Otto Ohle seinen Augen kaum. Eine seiner Brieftauben macht ihrem Namen alle Ehre. Sie hat einen winzigen Zettel unter dem Ring. Darauf steht fast poetisch geschrieben: "Ich komme aus dem Westen nun zurück in die \'Deutsche Dem. Republik\'. Irgend etwas, weiß nicht was, hatte mich abgetrieben, aber ich kehr heil zurück, in die Heimat \'Drüben\'. Etwas bin ich ängstlich nur, flieg ich über Felder, Wiesen; man wird doch an der Grenze nicht, auf einen \'roten Vogel\' schießen?"

Der Absender dieser Zeilen ist Taubenzüchter Horst Bleeser aus Frankenberg (Eder). Der Mann aus Hessen versorgt die Taube, die "ziemlich abgeflogen" ist. Am Ring kann er erkennen, dass der Vogel aus der DDR stammt.

Der "rote Vogel" (was nicht ideologisch, sondern vom Farbschlag her gemeint ist) wird von dem Westdeutschen wieder aufgepäppelt und in Richtung Stacheldraht und Todesstreifen entlassen.

Alles geht gut.

Otto Ohle freut sich, schreibt sofort zurück und bedankt sich herzlich. Daraus entsteht eine lange währende deutsch-deutsche Brieffreundschaft zwischen zwei Taubenfreunden. Offiziell hätte der Klempner und Heizungsmonteur Ohle natürlich keinen Kontakt zum "Klassenfeind" aufnehmen dürfen.

Otto Ohle ist heute das älteste Mitglied der Reisevereinigung Schönebeck, das seine Vögel noch regelmäßig zu Wettkämpfen schickt. Anfang Mai feierte er seinen 95. Geburtstag. Einen seiner größten Erfolge erringt er 1966, als zwei seiner Tauben die Schnellsten auf dem 960 Kilometer langen Nationalflug von Arad (Rumänien) in die DDR sind und dafür mit einer Goldmedaille ausgezeichnet werden.

"Die Viehzucht kommt bei mir immer an erster Stelle"

Mit sieben Jahren bekommt der Elbenauer, der auf dem Bauernhof seiner Eltern Kontakt mit allerlei Getier hat, vom Großvater sieben "Briefer" geschenkt. So nennt man in den 20er Jahren Brieftauben. Es ist die Zeit der geflochtenen Strohnester und der kindlichen Faszination.

Das Kind beobachtet immer wieder Feldflüchter (verwilderte Haustauben), die sich bei den Hühnern "durchschlauchen". Sie sind sehr fluggewand und durch natürliche Auslese gesund. "Ich habe Rotz und Wasser geheult, als meine sieben Briefer auf einmal alle weg waren", erinnert sich der 95-Jährige. Abends kommen sie jedoch unerwartet zurück. Sein Onkel bemerkt das Interesse des Jungen und bringt aus Magdeburg "exzellente Rassen" mit.

Als Otto Ohle zur Wehrmacht eingezogen wird, führt ihn das durch halb Europa. "Wenn wir irgendwo lagen, gab es kaum einen Taubenschlag, auf den ich nicht \'raufgeklettert bin", gesteht der leidenschaftliche Züchter. Nach Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft spielen die Tauben eine Nebenrolle. Auf dem Schwarzmarkt kostet ein Brot 45 Mark, ebensoviel wie ein Wochenverdienst.

Es gilt zu überleben, Fleisch und Milch sind wichtiger. Es ist die Zeit des großen Handels: Weizen gegen Saatkartoffeln, Getreide gegen ein Ferkel, selbstgebrannter Schnaps gegen alles mögliche.

Otto Ohle kommt zu seinem zweiten Hobby, der Ziegenzucht. "Ich habe meine ganze Familie damals mit Ziegenmilch ernährt", sagt der 95-Jährige. Eine gute Milchziege gibt 1500 Liter jährlich und ist anspruchslos, was das Futter betrifft. Der Zucht wegen wird später Weizenschrot als Kraftfutter zugesetzt. Ohle ist schließlich soweit, dass er pro Jahr vier Ziegen für den Export aufzieht. Insgesamt spricht er von "50 zertifizierten Ziegen". Es existiert sogar bis 1992 ein Ziegen-Zuchtverein, in dem verschiedene Leute aus dem Landkreis Mitglied sind.

"Das Viehzeuch kommt bei mir immer an erster Stelle", lächelt Otto Ohle.

Für seine Vitalität im hohen Alter hat er folgendes Rezept. Man muss eine Aufgabe haben, diese gerne ausfüllen und täglich eine Banane und zwei Äpfel zum Frühstück essen.

"Ich bin glücklich bis in die Fußspitzen", lächelt der große Mann. Woran sein liebes Vieh mit Sicherheit einen Anteil hat.

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