Staßfurt l Margarete Meier aus Unseburg erinnert sich ganz genau an die Straße in den 50er Jahren. Die Konsumverkaufsstelle (rechts im Bild), heute Apollo Optik, war ihre Lehrstelle von 1952 bis 1953, danach lernte sie in Egeln weiter. In dem Lebensmittelladen war ein Herr Franklau ihr Lehrmeister, die erste Verkäuferin war ein Fräulein Gänsel. Diese lernte die Neulinge an.

Die heute 77-jährige Leserin weiß noch genau, wie alles damals war. "Herr Franklau war ein strenger Lehrmeister. Für uns Lehrlinge war ein dunkler und ein weißer Kittel Pflicht. Wir mussten in den Keller runter und Leergut stapeln, dabei wurde immer der schwarze Kittel getragen. Den weißen hatten wir eigentlich nur im Fachunterricht an", sagt sie. Während in der Theorie alles über Lebensmittel gelernt wurde, musste im Laden alles noch per Hand abgewogen und verpackt werden. Fertigpackungen wie heute gab es nicht. Die Waren wurden aus dem Lager in der Bernburger Straße geholt, der Lagerarbeiter mit den flachen Handwagen war immer mit. "Damals gab es ja noch Lebensmittelmarken, da wurden die Heringe zugeteilt: Pro Kopf ein Hering", weiß Margarete Meier noch. "Es war eine schöne Zeit, wir waren eine flotte Truppe", sagt sie.

Wie sie kann auch Marlis Gärtner, die erst über dem Tattoogeschäft am Ende der Steinstraße gewohnt hat und seit 1954 vorn auf Höhe des Taschengeschäfts wohnt, die einzelnen Geschäfte aufzählen. Neben dem Konsum ganz rechts im Bild folgt links daneben das Musikhaus Götzel, wo es Instrumente und Noten gab, dann ein "tolles Kunstgewerbegeschäft", Dörfler und Co. "Das war ein toller Laden. Es gab schöne Figuren und Handarbeiten, Porzellan", schwärmt Marlis Gärtner. Hinter der Stadtschenke links im Bild war der Italiener Benatti. "Der Vorgänger war auch ein Italiener, Pramio", meint sie. Wo heute das Sportgeschäft Quednow ist, war früher schon ein Modegeschäft. "Ein Reformhaus hatten wir auch und unten eine kleine Drogerie. Hießen sie vielleicht Wenzel?", fragt unsere Leserin.

Wichtig auch für die 50er: Das Theater hatte noch eigene festangestellte Schauspieler. Die Straßenbahn fuhr durch die Straße, wie auch Ruth Werner aus Staßfurt zu berichten weiß. Sie kann sich an Eisdiele, Modegeschäft und Delikatladen erinnern.

Ursula Kather aus Güsten erzählt: "Da bin ich immer langgegangen, als ich meine Ausbildung beim Rat des Kreises gemacht habe. Vorne stand der Schiefe Turm. Bei Dörfler habe ich mir Sticksachen geholt."

Günther Kräuter aus Löderburg macht auf die Stadtschenke linkerhand, den Goldenen Ring - einst ein Hotel und heute Teil der Stadtverwaltung - und das Tor zum Benneckschen Hof aufmerksam, der ganz hinten am Ende der Straße zu sehen ist.

Wolfgang Krause aus Löderburg weiß als gebürtiger Staßfurter, dass die Steinstraße einst Karl-Marx-Straße hieß. Ein Hautarzt namens Dr. Linke hatte in der Steinstraße seine Praxis und "im Reformhaus gab es Sachen für Diabetiker". Das Musikgeschäft Götzel, wo es auch Radios gab, wurde später von Werner Vietze übernommen.

Gerlinde und Günther Sydow aus Staßfurt ist das Motiv besonders wegen des Benneckschen Hofes in Erinnerung. Günther Sydow kannte den Platz noch als intakten Gutshof, als er zehn Jahre alt war. "In der Mitte stand eine große Scheune, dann die Kuhställe und die Kutscherhäuser. Bennecke gehörten die großen Bruchwiesen", erzählt der Leser. Er kann sich noch an das Büro des Landwirts und an die Wirtschaftsräume, "wo die Frauen Essen für die Kutscher gekocht haben" erinnern. Nach dem Krieg wurde der Gutsherr enteignet, dann übernahm die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) den Hof, die später nach Staßfurt-Nord umzog. "Dann wurde alles abgerissen und dann der Markt daraus gemacht. Die große Toreinfahrt ist geblieben."

Klaus Stein aus Staßfurt kann noch witzige Geschichten erzählen. "Ich war Kind, als es 1946/47 ein großes Hochwasser gab und der Bennecksche Hof zwei Meter unter Wasser stand." Etliche Rettungsboote aus Nienburg kamen nach Staßfurt und evakuierten die Einwohner. Klaus Stein und seine Kumpels machten sich ein ausrangiertes Feldboot zu Nutze. "Die Ställe der Ochsen und Kühe standen unter Wasser, da sind wir Kinder mit dem Boot hineingefahren und durch den Kuhstall. Wir hatten Mühe, wieder rauszukommen", lacht er. "Es war eine arme, aber schöne Zeit." Als er mit einem Kumpel mit einem Kahn durch Staßfurt schipperte, sahen sie einen ihrer Lehrer an einem Fenster schreien: Er wollte unbedingt mit auf`s Boot, denn er war gerade bei seiner Geliebten und wollten keinesfalls von jemand anderem in flagranti erwischt werden.

Ralf Elstermann aus Güsten weiß auch Neckisches zu berichten: "Im HO-Kaufhaus hatte ich eine kleine Freundin gehabt", sagt er und lacht verschmitzt am Volksstimme-Telefon. Als 18-jähriger Bursche hatte er sogar das Glück, in dem Kaufhaus ein Motorrad zu bekommen.

Thorsten Müller aus Staßfurt kennt die Stadtschenke gut, weil seine Großeltern diese in den 1920er Jahren übernommen hatten. Eindrucksvoll für ihn als kleiner Junge war das große Tonnengewölbe des Weinkellers. "Dann wurden meine Großeltern enteignet".

Viele weitere haben das Motiv erkannt. Gewonnen hat Hans Tober aus Hecklingen. Er kann sich in der Redaktion (Gollnowstraße 6 in Staßfurt, wochentags 10 bis 17 Uhr) ein kleines Präsent abholen.

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