Nicht nur Tiere sind dem Menschen treue Gefährten. In Staßfurt halten die Bürger auch ihren Tieren die Treue. Etliche sind seit mindestens zehn Jahren Pate für ein tierisches "Patenkind" im Staßfurter Tiergarten.

Staßfurt l Ulrich Eichhorn wartet schon am Eingang vom Staßfurter Tiergarten. Gleich soll der Dankeschönabend im Tiergarten für alle 78 Tierpaten losgehen. Es ist Mittwochabend. "Ich hatte mal zwei Tierpatenschaften und will noch eine abschließen", sagt Ulrich Eichhorn. "Die Frau schimpft zwar, aber trotzdem", lacht er. Nachdem sein Patentier, der Wolf, verstorben war und der Leopard weggeangen ist, hat sich Eichhorn jetzt für die Salzkatze eintragen lassen. Die Patenschaft kostet 250 Euro pro Jahr.

Die kleinen Kattas sind mit 350 Euro pro Jahr noch teurer und damit die kostenintensivsten "Patenkinder", die zur Zeit einen "Patenonkel" oder eine "Patentante" haben. Das Pony kostet 150 Euro. An die Kamele für 800 Euro hat sich noch keiner herangetraut. Ein Schnäppchen schlägt der Tierfreund mit der Chinesischen Zwergwachtel, die zehn Euro im Jahr kostet.

"Man kann sich im Internet anmelden, anrufen oder einfach das Geld für das Patentier mit dem Verwendungszweck überweisen", erklärt Andreas Patzelt, der bei der Lebenshilfe für die Patenschaften zuständig ist. Das Geld des Paten wird nicht speziell für ein Tier der Art verwendet, sondern fließt in den gesamten Tiergarten - in den artgerechten und barrierefreien Ausbau der Gehege, in Sitzbänke, Spielplatz, neue Rundwege oder den Ankauf von Tieren.

Auf der kleinen Festwiese im Tiergarten hatte Andreas Patzelt zusammen mit Lebenshilfe-Chef Stefan Labudde und Tiergarten-Chefin Bianka Ziem zu einem lauschigen Grillabend geladen. Denn sie haben den Paten, von denen rund 30 gekommen waren, zu danken: Alle 78 Paten zusammen haben 2014 9850 Euro gespendet.

Nach einigen Neuigkeiten, die Bianka Ziem aus den Gehegen berichtet und die Stefan Labudde zum Geschäftsjahr des Unternehmens verkündet, sollen die Tierpaten auch gar nicht mehr lange warten: Endlich soll es zu ihren Schützlingen gehen. Denn sie haben nicht nur ganzjährig freien Eintritt (ab einem Wert von 100 Euro pro Jahr), sondern bekommen von den Tierpflegern auch eine Sonderführung, mit Füttern und Streicheln inklusive.

Mit der Tierpflegerin Kathrin Mai - Tierpflegerin aus Leidenschaft wie sie sagt - geht es zuerst zu den Eseln. Sie erklärt alles über die Tierart, über die Familienverhältnisse zwischen den sechs Tieren und sogar, dass sie plant eine Eselin in diesem Jahr als Reitesel auszubilden, damit eine geistig behinderte Mitarbeiterin des Tiergartens auf ihr reiten kann.

Esel für den Unternehmer, Stachelschwein für Kirche

Der Star im Eselgehege ist der junge Rico, geboren am 1. Mai. "Wer will mal streicheln, wer mal füttern?", lädt die Tierpflegerin ein. Das kann sich Klaus Kaiser nicht entgehen lassen. "Ach, schon länger als zehn Jahre habe ich die Patenschaft, damals abgeschlossen für den ältesten Esel", winkt er ab, gefragt wie lange er schon Pate ist. Der Firmenchef vom Autohaus Kaisermobile in Bernburg lässt wie viele seine Patenschaft über die Firma laufen. Das ist steuerlich absetzbar. Seine Firma ist Geschäftspartner der Lebenshilfe Bördeland. "Ich fand das damals lustig, den Esel zu nehmen. Ich bin doch auch manchmal ein alter Esel", lacht er.

Weiter geht es zum Stachelschwein. Das Tier gehört mit Erdmännchen und Minischweinen zu den Tierarten, für die die meisten Patenschaften bestehen. Das einzelne Männchen, das 25 Jahre alt ist und von der Pflegerin "Opa" genannt wird, hat einiges auf dem Kerbholz. "Opa hat seine Frau erschossen", erklärt Tierpflegerin Kathrin Mai. "Wie jetzt? Mit Absicht?", fragt Thomas Röger. Die kleine Runde der Tierpaten ist entsetzt.

Dass Stachelschweine ihre Stacheln abschießen, um sich zu wehren, wussten sie schon. Aber die Partnerin? "Na ja", erklärt Kathrin Mai, "er hatte ein jüngeres Weibchen, das ziemlich aktiv war, und als sie ihn einmal gestört hat, hat er geschossen." Der Stachel ging mitten durchs Herzen. Die Freundin war sofort tot.

Deshalb ist Daniel Marbach mulmig, als er "Opa" in seinem Auslauf füttern soll. Zudem hat "Opa" auch schon seine Pfleger beschossen. Aber als die Tierpflegerin ihm ein Äpfelchen für das Stachelschwein gibt, erklärt sie: "Wenn er anfängt zu stampfen, dann müssen wir flüchten. Jetzt ist alles okay."

Daniel und Gabriele Marbach sind als Vertreter der Kirchengemeinde St. Petri und Johannis Staßfurt da. Warum wählt die Kirchengemeinde ausgerechnet das Stachelschwein? Und dann noch eines, das ein "Verbrechen" auf seinem Konto hat? "Ich habe keine Ahnung, die Gemeinde hat diese Patenschaft schon ewig", lacht Gabriele Marbach. Wie die Kirchengemeinde halten 40 Paten ihren "Patentieren" schon seit mindesten fünf Jahren die Treue, ganze 28 Paten sogar schon seit mindestens zehn Jahren.

Auch Thomas Röger vom Baustoff-Centrum Staßfurt ist durch die Geschäftsbeziehung zum Tiergarten auf die Patenschaft gekommen. "Wenn die Tiergartenchefin Baustoffe braucht, geben wir auch Rabatte", sagt er. Für sein Lisztäffchen investiert er 250 Euro pro Jahr. Und natürlich will auch er mal in den Käfig und sie füttern. Erst schaut er ein wenig enttäuscht drein, als sich die Äffchen nicht trauen, das Futter aus seiner Hand zu nehmen. Aber dann klappt es doch.

Der Staßfurter Tiergarten ist bei steigenden Betriebskosten dankbar über jede Tierpatenschaft. Noch etliche weitere Tierarten suchen einen Paten.

   

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