Die Kirche Sankt Clemens war am Montag wieder Treffpunkt für die Einwohner von Groß Börnecke. Der Förderverein öffnete das Haus mit einer besonderen Ausstellung.

Groß Börnecke l Es grenzt an ein Wunder, dass Sankt Clemens in Groß Börnecke wieder als Kirche genutzt werden kann. Noch kurz nach dem Mauerfall sah es so aus, dass die kleine Kirche bald verschwinden könnte.

Im real existierenden Sozialismus wurde das Gotteshaus als Lagerraum benutzt. Die Fensterscheiben waren herausgeschlagen, als die Mauer fiel, erinnert sich Ingbert Schultz. Er ist einer der Einwohner, die dem Verfall der kleinen Kirche nicht tatenlos zusehen wollten. In einem Förderverein taten sie sich zusammen und arbeiten seit vielen Jahren ehrenamtlich für den Erhalt des Hauses.

Zu Pfingsten öffnen sie gern die kleine Kirche und zeigen den Bürgern das Innere. Vieles ist bereits hergerichtet. Der Altar strahlt in einer hellen Farbe. Nur der Blick zum Gewölbe verrät, dass es in den kommenden Jahren noch ausreichend Vorhaben für den Förderverein geben wird. Denn das Dach muss dringend erneuert werden.

Ähnlich katastrophal sieht es mit der Orgel aus. Irgendwann seien die Pfeifen verschwunden oder ausgebaut worden. "Hier haben früher die Kinder drin gespielt", weiß Ingbert Schultz.

Dafür freut er sich über die vielen Bürger, die sich die Ausstellung in der Kirche ansehen. Das Handwerk in der Gemeinde haben die Mitglieder des Fördervereins sich diesmal zum Thema gemacht. Ein Mitglied des Vereins, der alte Handwerksgeräte sammelt, hat einen großen Teil seiner Schätze in Sankt Clemens ausgebreitet. Als die Menschen noch nicht so mobil waren, waren es vor allem die ortansässigen Handwerker, die die notwendigen Produkte und Dienstleistungen vor Ort erbrachten. Viele Dachbodenfunde zeigt die Ausstellung. Daneben haben die Vereinsmitglieder aber auch viele alte Fotos aus dem Ort zusammen getragen. Die Bilderschau erweist sich als wahrer Publikumsmagnet, freut sich Ingbert Schultz. Besonders Gruppenfotos erregen die Aufmerksamkeit der Besucher. Genau schauen sie sich die Aufnahmen an.

Auf der Suche nach Zeitzeugen sind die Mitglieder des Heimatvereins, was die frühere Geschichte der Kirche anbelangt, erzählt Ingbert Schultz. Dabei handelt es sich um die Rettung der Glocken von Sankt Clemens. Die aus dem 16. Jahrhundert stammenden Glocken überstanden den Zweiten Weltkrieg unbeschadet. Die Einwohner von Groß Börnecke haben sich seinerzeit dafür eingesetzt, schildert er.

Um die Rüstungsproduktion am Laufen zu halten und die Industrie mit Rohstoffen zu versorgen, wurden im Krieg aus vielen Kirchen die Glocken von den Türmen geholt. Die Glocken mit ihren tonnenschweren Gewichten wurden dann eingeschmolzen und zu Rüstungsgütern verarbeitet. So hätte es auch den drei Glocken ergehen sollen, die im Turm der kleinen Kirche aufgehängt sind.

Die Klangkörper waren bereits aus dem Kirchenturm ausgebaut und abtransportiert worden. Das Kriegsende im Mai 1945 sorgte aber dann dafür, dass die Glocken nicht mehr eingeschmolzen wurden, weiß er. Die Börnecker machten sich nach Kriegsende auf und holten ihre Glocken aus Hamburg zurück, wo sie lagerten. Nur durch die engagierten Bürger der Gemeinde konnten die wertvollen Glocken für die Nachwelt gesichert werden.

In den Nachkriegswirren wurde die Rückholung der Glocken aber so gut wie nicht dokumentiert. Der Förderverein sucht nach Zeitzeugen oder Hinweisen und Aufzeichnungen über die spektakuläre Aktion, wünscht sich Ingbert Schultz mehr Material über die Geschichte der Glocken. Denn sie gehören zu den ältesten Glocken in der Region, ist er überzeugt. Ohne die Aktion der Einwohner wären die Glocken wohl in den Nachkriegswirren für immer verschwunden geblieben, vermutet er. Es verdiene daher die Rettung der Glocken eine besondere Würdigung, möchte der Förderverein die Geschichte aufarbeiten und dokumentieren.

Sankt Clemens ist aber auch der steingewordene Beweis, dass Groß Börnecke einst wirtschaftlich stark war. Rund 3000 Einwohner muss das Dorf vor Jahrhunderten einmal gezählt haben, vermutet er. Der wirtschaftliche Aufschwung war vor allem mit den Bodenschätzen verbunden, die in der Region reichlich vorhanden sind. Kohle und Salz waren die wichtigsten Schätze, die der Boden nur wenige Meter unter der Oberfläche verbarg.

Die Energie vor Ort machte Groß Börnecke zu einem Ort, der viele Menschen anlockte. Die brauchten Kirchen, um das Seelenheil zu erreichen. Deswegen bauten die Einwohner zwei Gotteshäuser. Heute finden nur selten Gottesdienste in Sankt Clemens statt. Ungewöhnlich in der Kirche ist die Schlichtheit. Selbst am Altar gibt es keine Bildnisse oder Statuen. Dafür ist die Kanzel direkt im Altar angebracht. Warum dies damals so gemacht wurde, weiß heute niemand mehr, sagt er. Dafür habe der Pfarrer aber jeden Kirchbesucher im Blick gehabt, weiß Ing-bert Schultz. "Von dem Punkt aus kann er jedem in die Augen sehen", zeigt er.

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