Staßfurt ( ky ). Aus seinem Leben als Kriegsjunge und Zeitzeuge der Nazi-Zeit hat jetzt Hans-Jochen Tschiche berichtet. Der Bürgerrechtler, Freiheitskämpfer und Literat – inzwischen 80 Jahre alt – war am Wochenende in der Staßfurter Stadtbibliothek zu Gast. Anlässlich des Tages des Gedenkens an die Opfer des Faschismus hatte die Linke zu einer Diskussionsrunde eingeladen, die von Bianca Görke aus Hecklingen moderiert wurde.

Hans-Jochen Tschiche, der gern als unbequem, wortgewaltig und gerecht bezeichnet wird, berichtete offen aus seinem Leben. Nachdenklich und betroffen zugleich wurde er, als er an die Nazi-Zeit erinnerte. Bis heute befasse er sich mit der Frage, wie so viele Menschen in der Nazi-Zeit nicht erkennen konnten oder wollten, welche Gewalt und menschenverachtende Unterdrückung von Deutschland ausgegangen ist. Er mahnte an, heute nicht wieder wegzuschauen.

Die DDR betrachte der Gesprächspartner eher in Trauer, stellt sie für ihn einen gescheiterten Sozialismusversuch des realexistierenden Sozialismus der DDR dar.

Vom Runden Tisch in Bundes- und Landtag

Der Grünen Politiker und Pfarrer i. R. sah die Opposition als Berufung, hat aber in der Regierungsverantwortung erfahren, was auch durch Macht und Mehrheit gestaltbar ist. So versteht sich Tschiche auch stets als ein Türöffner der Politik. In der Diskussion mahnte der Staßfurter SPD Politiker Eberhard Müller an, mehr zu tun, um auch die Jugend nicht perspektivlos in die rechte Gefahr gleiten zu lassen.

Tschiche mischt sich ein und mischt mit. Noch immer hat er was zu sagen – gegen aufkeimenden Rechtsextremismus – gegen Verblendung und für mehr Miteinander. So ist Tschiche heute als Vorsitzender des Vereins Miteinander immer noch aktiv, in Schulen unterwegs, als Denkanstößer, Moderater, Mahnender und die Demokratie Verteidigender. Tschiche fragt laut : Warum war die antifaschistische Erziehung der DDR nicht verläßlich und nachhaltig ? Und sucht heute nach neuen Wegen. Sein Verein bietet Opferberatung, Bildung, Anti-Gewalt-Projekte, Schulbegleitung in ganz Sachsen-Anhalt.

Auch Bibliotheksleiterin Barbara Hirt freute sich über den Besuch in ihrem Haus, wusste sie doch zu berichten, dass Hans-Jochen Tschiche 1997 als Landespolitiker maßgeblich zur Sicherung und zum Erhalt der Staßfurter Bibliothek mit beitrug. Sie überreichte ihm eine Chronik der 100 jährigen Staßfurter Bibliotheksgeschichte, die Tschiche mitgeschrieben habe.

Publikationen – mal heiter, mal richtungsweisend – wurden von ihm und über ihn verlegt. Und so war Tschiche auch als Autogrammgeber in Staßfurt gefragt.