Der Stendaler Otto Nawrocki bestreitet bei der Leichtathletik-WM in Porto Allegre seinen letzten großen Wettkampf. Der niederländische Filmemacher Marijn Poels dreht darüber eine Dokumentation.

Stendal/PortoAlegre l Es ist 4.45 Uhr morgens am Montag, als der Wecker von Otto Nawrocki rasselt. Heute beginnt der Kampf um 8 Uhr. Er muss Kugelstoßen und will zu den Besten der Welt gehören.

Als ich Otto im Taxi die Frage stelle, was er sich vorgenommen hat, reagiert der Stendaler etwas nervös und angespannt. "Die Disziplin ist nicht unbedingt meine Stärke", sagt er. Eineinhalb Stunden vor dem Start erreichen wir das Stadion ESEF. Die vier Wettkämpfer in der Altersklasse 90 treffen einander. "Der Finne hat viel mehr Muckis. Den kann ich doch nicht schaffen" flüstert Nawrocki angespannt.

Dunkle Wolken über der Wettkampfstätte

Nach einer nervösen halben Stunde Wartens begeben sich die vier Männer zum Stoßring. Dunkle Wolken verhüllen die brasilianische Sonne und künden von nahendem Regen. Am Horizont der Stadt ist der Himmel schwarz und bedrohlich.

Der Kugel wird nochmal trocken geschleift, und Otto stößt seine ersten sechs Meter. Und schüttelt den Kopf "Zu wenig" sagt er leise und enttäuscht. Plötzlich bricht der Himmel über uns zusammen. Ein tropischer Regen fällt auf das Feld. Das Bild durch meine Kamera beeindruckt mich. Ungeachtet des Sturms, Regens und Windes gehen die Wettkämpfe weiter. Eine Szene, die Disziplin, Durchhaltevermögen und starken Willen in einer Sekunde symbolisiert. Ein Bild, das demütig macht weil ich nie gedacht hätte, das man in diesem Alter noch so fit sein könnte.

Beim dritten Stoß geht die Drei-Kilo-Kugel über die sieben Meter. Er zieht seine Trainingsjacke wieder an und grinst leicht zufrieden. Seine zweite Silbermedaille kann er sich zu Hause in Stendal in den Trophäenschrank hängen. Sonnabend war Otto schon Zweiter beim 100-Meter-Sprint.

"Das hatte ich nie erwartet, noch eine zweite Medaille zu gewinnen", sagt der Senior zufrieden während der Rückfahrt zum Hotel. Morgen ist Ottos wirklich letzter Wettkampf. Die 200 Meter. "Ich hoffe dort noch eine schöne Zeit zu machen. Noch eine Medaille? Da muss man immer als Sportler für kämpfen, aber um ehrlich zu sein, kann ich mit zwei Silbermedaillen zufrieden sein".

Doch das muss er gar nicht. Am Dienstagabend holte er noch seine dritte Silbermedaille. Und das mit Deutschem Rekord von 39,14 Sekunden.

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