Dieter H. führte eine glückliche Ehe, zumindest hatten alle die ihn, seine Frau und die drei Kinder kannten, diesen Eindruck. Seit Jahren war er als Ingenieur in einer großen Firma fest angestellt, wirkte zufrieden und hatte im Betrieb eine anerkannte Stellung. Zweimal im Jahr musste er Produktionsanlagen seiner Firma in Südamerika inspizieren, so dass er ca. sechs Wochen im Jahr nicht zu Hause sein konnte.

Eines Tages kam er in die Notaufnahme seines Heimatkrankenhauses. Seine Frau begleitete ihn, sie war in großer Sorge. H. hatte seit Tagen hohes Fieber, er hustete ständig und bekam kaum Luft. Der Verdacht auf eine Lungenentzündung wurde bestätigt. Die Lunge, die sich durch ihre "Lufteinschlüsse" röntgenologisch normalerweise "schwarz" darstellt, war "weiß", durch Entzündungsgewebe praktisch zugeschwollen. H. wurde auf die Intensivstation gelegt, doch die Antibiotika blieben wirkungslos, eine künstliche Beatmung wurde notwendig. Die Ehefrau und die drei Kinder kamen jeden Tag.

Sie standen vor einem Rätsel: Wie konnte ein stets gesunder Mann so schwer krank werden? Doch das Rätsel wurde schnell gelöst. Die Ärzte führten einen AIDS-Test durch, dieser war hoch positiv, so dass die Lungenentzündung in der durch die schwere AIDS- Infektion verursachten Abwehrschwäche ihre Erklärung fand.

AIDS-Infektion - eine Welt brach zusammen

Lassen wir nun das Medizinische in den Hintergrund treten und fragen: Wer soll die Familie wann aufklären? Der im Koma liegende Kranke, von dem im Krankenhaus für die Angehörigen keinerlei Gefahr ausging und der wahrscheinlich selber von seiner AIDS-Infektion nichts wusste, konnte es nicht, vielleicht aber später, gesetzt den Fall, er würde überleben. Also abwarten, um akut den familiären Zusammenhalt nicht zu gefährden? Oder, die verzweifelte Ehefrau sofort informieren, um die ganze Wahrheit darzulegen? Vielleicht ihr und den Kindern zum sofortigen AIDS-Test raten, um den eigenen Infektionsstatus zu wissen (medizinisch keine absolute Notwendigkeit)?

Folgendes passierte: Die Ehefrau wurde umgehend aufgeklärt. Für sie brach eine Welt zusammen. Eine sofortige Testung erfolgte nicht. H. wurde in eine Spezialklinik ausgeflogen. Er überlebte die Lungenentzündung, dann verläuft sich seine Spur.

Doch die Fragen bleiben: War die Aufklärung der Ehefrau überhastet erfolgt? Wurde nicht das Recht des "hilflosen Angeklagten", sich zu äußern, seiner Frau selber alles zu erklären, missachtet und sich somit über den Anspruch eines jeden Menschen auf Schutz seiner Persönlichkeit hinweggesetzt? Die Antworten sind weder in den Büchern der Medizin noch der Rechtsprechung zu finden, sie sind abhängig von unseren ethisch-menschlichen Empfindungen.

Prof. Ulrich Nellessen ist Ärztlicher Direktor des Johanniter-Krankenhauses Genthin-Stendal und meldet sich an dieser Stelle einmal im Monat zu Wort