Ab der kommenden Woche wird die fünfköpfige Wettbewerbskommission jene 54 Gartenvereine besuchen, die sich 2014 an der Gemeinschaftsaktion der Volksstimme und des Gartenfreunde-Kreisverbandes beteiligen. Uns ist vorab bereits manch Blick in Gartenanlagen vergönnt. Was wir dabei entdecken, steht hier.

Stendal l Es gibt Momente, die vergisst man nicht. Zumindest kann man sich, wenn schon nicht an das Datum, so doch an die Geschehnisse jener Tage haarklein erinnern.

Für Erhard Prozell ist es ein Frühsommertag im Jahr 1978, den er wie folgt schildert: "Ich war im `Heckert`, ein Bier trinken. Da setzt sich ein Mann zu mir und stöhnt. Er käme gerade aus dem Garten. Viel Arbeit und das bei dieser Hitze... Ja, wenn ich man einen hätte`, hab ich gesagt. In seiner Sparte sei noch eine Menge Gärten frei, hat er geantwortet. Das war sonnabends. Am Sonntag waren meine Frau und ich da, Garten kucken."

"Ich habe dann gesagt: Für jeden Stich gibt`s ein Glas Honig"

Erhard Prozell

Was man so Garten nannte. "Die Pfähle, mit denen die Grenzen der künftigen Parzellen markiert wurden, standen schon. Ansonsten war hier alles rot - Klatschmohn, wohin du geblickt hast", steuert Siegfried Pragst aus seinen lebhaften Erinnerungen bei. Auch er war in jenen Frühsommertagen auf der Suche nach einem Garten und landete wie Erhard Prozell in der unberührten oder besser gesagt lange nicht anfassten Natur westlich von Wahrburg. Die beiden Männer - heute 74 Jahre alt - können sich rühmen, zu den wenigen Mitgliedern des 120 Parzellen großen Wahrburger Gartenvereins "Zur Erholung" zu gehören, die von Anfang an dabei sind. 36 Kleingärtnerjahre werden es in diesem Jahr für jeden von den beiden, von denen sie keines missen möchten. Nicht die Schufterei, bis sie die ersten selbst gelegten Bohnen ernten wollten - Tausende von Mäusen waren schneller. Um so süßer schmeckten die ersten Erdbeeren vom eigenen Beet. Nicht den Tag, an dem die Laube bezugsfertig stand. Keine der ungezählten Stunden mit den Kindern im Garten, in dem sie sich austoben konnten. Am Wochenende ging es raus aus der "Wohnwabe", wie Siegfried Pragst seine damalige Neubauwohnung im Stendaler Stadtteil Stadtsee nennt, und rein ins Grüne, ins mit eigenen Händen gebuddelte, gesäte, gejätete, bezupfte, gemähte und beschnittene. Die frische Luft, das Vogelgezwitscher, herrlich. Daran hat sich mit den Jahren nicht viel geändert. Bis auf die Tatsache, dass sich mit ruhestandsbedingt steigendem Kontingent an freier Zeit auch die Zeit für den Garten vermehrte.

"Wir haben alles angebaut, was man anbauen konnte. Auch Sachen, die man sonst nur schwer bekam, Spargel zum Beispiel", nennt Siegfried Pragst einen der unschlagbaren Vorzüge der DDR-Kleingärtnerns. Über ihn ist wie über manch anderes die Geschichte hinweggefegt. Einiges jedoch blieb, ist heute wertvoller denn je. "Ich weiß, was ich hier pflanze und ernte. Ich weiß, was drin ist, und vor allem, was nicht. Sauerkraut mache ich heute noch selber. Geh mal in den Laden und kauf eine Tüte Sauerkraut. Und dann ließ mal unter Inhaltsstoffe. Da geht`s aber los..."

Auch aus dem Garten von Gerhard Prozell kommt eine Spezialität, die er selbst herstellt, produziert von zigtausenden, im wahrsten Sinn bienenfleißigen Helfern: Honig.

Fünf Bienenvölker nennt er sein eigen, jedes so um die 60000 "Immen" stark und alle in seinem Garten "stationiert". Anfangs gab es auch mal Stress mit den Nachbarn. Beide Seiten mussten sich sozusagen aneinander gewöhnen. Die von Gerhard Prozell vereinsintern eingeführte Regel "Ich habe dann gesagt: Für jeden Stich gibt`s ein Glas Honig", half dabei ein bisschen. "Wobei, so viele Honiggläser hat es mich gar nicht gekostet", versichert der Hobby-Garten-Imker lächelnd. Mittlerweile ist unter den Wahrburger Vereinskleingärtnern unstrittig, dass sowohl die emsigen Honigsammlerinnen als auch die Laubenpieper von dieser Partnerschaft profitieren. Es blüht und reift üppig in der Vereinanlage "Zur Erholung" westlich von Wahrburg.

"Mein Geschenk zum Einzug steht schon fest - ein Komposter"

Siegfried Pragst

Die Kleingärtner Pragst und Prozell sitzen mitten drin und genießen es. Klar, so ein Garten mache auch Arbeit, geben die beiden unumwunden zu. Arbeit von der Art aber, die man gern tut. "Anders gesagt", philosophiert Siegfried Pragst: "Der Garten hält dich in Bewegung. Und Bewegung ist wichtig in unserem Alter. Die hält dich gesund." Ein solches Hobby, schön und sinnvoll, könne man doch nur empfehlen, oder?

Vielleicht tragen die beiden es ja auch in den Genen, das Kleingärtnern. Und haben etwas davon vererbt? Man könnte es fast glauben. Ein Sohn von Erhard Prozell arbeitet in der Landwirschaft und hat einen großen Garten. Siegfried Pragst ist sich da nicht so sicher, obwohl: "Die Tochter zieht gerade ins eigene Haus. Mein Geschenk zum Einzug steht schon fest: Ein Komposter."