Stendal l Man kennt das aus anderen Comedy-Shows oder von Alleinunterhaltern: Irgendjemand im Publikum muss seinen Vornamen hergeben und die folgenden eineinhalb oder zwei Stunden immer wieder darauf gefasst sein, vom Bühnenakteur angesprochen und mitunter auch auf die Schippe genommen zu werden.

Am Freitagabend in der Katharinenkirche war es Al- fred, den sich die Kabarettistin Tatjana Meissner willkürlich auserkoren hatte. Mit dem betagten Herrn hatte sie sich den idealen Ansprechpartner gewählt, denn schließlich ging es in ihrer Comedy-Lesung "Herr Möslein ist tot" um einen heiteren, ironischen Rückblick auf Meissners Leben in der DDR. Und an all das, was sie ihrem Publikum erzählte, konnte sich die Mehrzahl der rund 90 Zuhörer nur zu gut noch selbst erinnern - ob an kratziges Klopapier, Niethosen, das Lied "Wenn Mutti früh zur Arbeit geht" oder den Geruch von Intershops.

"Herr Möslein ist tot" ist Tatjana Meissners drittes Buch. Und dabei wollte die 1961 in Tangermünde Geborene nie ein Buch schreiben. "Das macht man als Kind einer Deutschlehrerin nicht", bemerkte sie lakonisch. Dennoch kam es dazu, und schuld waren die Männer. Nachdem sie sich ein paarmal in der Männerwahl vergriffen hatte, ging sie im Internet auf die Suche. Und das, was man dabei erleben kann, mündete schließlich im ersten Buch.

Dass es dann noch ein zweites gab, lag an der sie ereilenden "Mittlebens-Krise": "Das ist der Zustand, in dem das Gehirn auf Hochtouren läuft, aber der Körper anfängt auseinanderzufallen. Nur, dass man das nicht mitkriegt, weil man ja nicht mehr so gut sehen kann." Und es ist dieser Zustand, als sie die 40 überschritten hatte, da sie anfing, sich immer öfter an früher zu erinnern. Weil ihr im Internet gefundener Traummann Carsten das aber irgendwann alles nicht mehr hören konnte, "schreibste das in ein Buch", dachte Meissner sich. So gab es also ein zweites Werk. Und weil die Lektorin aus dem Manuskript so viel streichen musste, war schließlich noch so viel übrig, dass daraus "Herr Möslein ist tot" wurde - aus dem Tatjana Meissner am Freitagabend in Stendal allerdings ein bisschen zu wenig las.

Sie ließ sich eher zum Plaudern hinreißen, was beim Publikum durchaus gut ankam. Allerdings verfing Meissner sich dabei zuweilen in etwas langatmigen Geschichten von früher, deren Krönung durch eine gute Pointe leider manchmal ausblieb. Gerade rechtzeitig aber nahm sie dann doch wieder ihr Buch zur Hand und las.

Und dieses erzählende Lesen, das macht Tajtana Meissner ganz grandios. Sie belebt ihr Geschriebenes durch Mimik, Stimmmodulation, Spannungspausen und einen kontaktsuchenden Blick über den Brillenrand und lässt ihre Geschichten so zu einem vergnüglichen und kurzweiligen Abend werden.

 

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