Nach 45 Arbeitsjahren geht Marlit Blume in wenigen Tagen in den Ruhestand. Das Kinder- und Jugendheim in Köckte war in den vergangenen 30 Jahren fast täglich ihr Ziel gewesen. Hier hat sie sich wohl gefühlt und fürs Wohlfühlen gesorgt.

Köckte l "Sie ist meine Perle", sagt Kerstin Projahn, und es klingt überhaupt nicht froh, wenn die Leiterin des Heilpädagogischen Kinder- und Jugendheims Köckte über das Ende der Arbeitszeit ihrer langjährigen Mitarbeiterin Marlit Blume spricht. Immerhin haben die Frauen seit fast 25 Jahren zusammen den Alltag hier gemeistert. So lange arbeitet Kerstin Projahn in Köckte.

Für Marlit Blume hatte die Zeit hier bereits vor 30 Jahren begonnen. Damals hatte sie die Wirtschaftsleitung des Hauses übernommen. Nach der Wende, als die Wirtschaftsleitung abgeschafft wurde, bekam die dreifache Mutter die Aufgabe der Gruppenwirtschaftskraft übertragen. "Seitdem arbeite ich in Gruppe 1", sagt sie und öffnet sich mit jedem Satz ein wenig mehr, mit dem sie über ihre Arbeit für und mit den Kindern berichtet.

Die Tür geht auf und Vanessa kommt herein. "Hallo, Frau Blume, wie geht es Ihnen?", fragt sie und umarmt sie fast zeitgleich herzlich. "Das werde ich vermissen", sagt Marlit Blume, als das Mädchen den Raum wieder verlassen hat. Der tägliche Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen sei das, was den Arbeitsalltag hier so besonders mache, verrät sie. Jedes Kind habe eine andere Last zu tragen, seine eigene, meist traurige Geschichte. "Sie sind seelisch belastet. In all den Jahren hatte ich sie alle gleich lieb, nie meinen Liebling", sagt die

63-Jährige. Ein wenig traurig stimmt es sie, wenn die Kinder das Heim verlassen und kaum eine Rückmeldung kommt. "Ganz selten wissen wir, was aus ihnen geworden ist", bedauert sie die Entwicklung. Auch könne sie nach 30 Jahren in diesem Haus noch immer nicht verstehen,

weshalb es Eltern gibt, die ihre Kinder nicht annehmen. Deshalb sah sie es immer als eine ihrer Aufgaben an, den Mädchen und Jungen das Leben in ihrem Zuhause auf Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten. "In der Woche koche ich, mache sauber, kaufe ein, fahre die Kinder zum Arzt oder wir töpfern zusammen", berichtet sie aus dem Alltag. Wäsche waschen, Einkaufen, die Mutti für die maximal acht Kinder der Gruppe 1 sein - all das gehöre dazu, wenn man Gruppenwirtschaftskraft ist.

Große Tanne zum Abschied

Doch die Aufgaben für Marlit Blume gingen in den vergangenen Jahren weit darüber hinaus. "Sie ist nicht nur eine wunderbare Köchin. Sie denkt vor allem mit", berichtet Kerstin Projahn von den Vorzügen ihrer scheidenden Kollegin. Die Blumenpflege, der Hausschmuck, das Töpfern mit den Kindern, das Vorbereiten von Festen - immer sei die gelernte Melkerin, die später auch ihren Meister in diesem Beruf machte, ohne große Reden vorn dabei gewesen. "Sie ist eine Seele von Mensch, der nicht auf die Uhr schaut, viel Freizeit investiert und dabei aber nie im Mittelpunkt stehen möchte", bringt es die Leiterin auf den Punkt.

In den Händen von Marlit Blume lag all die Jahre auch die Verantwortung für die Weihnachtstanne in der Diele. In diesem Jahr "ist es die prächtigste Tanne aller Zeiten", findet sie selbst. Groß, schwer und schöner als all die Jahre zuvor hat sich die Bucherin, die seit wenigen Jahren in Grieben lebt, selbst ein wunderschönes Abschiedsgeschenk bereitet.

Ab Januar wird sie den Kindern und Mitarbeitern jedoch nicht ganz fehlen. Wenige Stunden pro Woche darf sie hier noch arbeiten, kreativ mit den Kindern wirken, sie unter anderem zum Arzt fahren.