Kaum lässt sich die Frühjahrs-Sonne sehen, wimmelt es wieder von Motorradfahrern auf den Straßen. Auch der Tangerhütter Ralf Pollock gehört zur Biker-Szene. Er schwört auf den Mythos Harley Davidson und hat gleich drei dieser Kultmaschinen im Stall.

Tangerhütte l Die Tangerhütter Bismarckstraße mit der berühmten Route 66 zu vergleichen, ist schon etwas gewagt. Fährt Ralf Pollock aber auf einer seiner Maschinen durch die Innenstadt, hört man auf jeden Fall die gleiche "Musik" wie auf der amerikanischen Kultstraße. Insider nennen es den "Potato-Sound", etwa vergleichbar mit dem intervallartigen "Wupp-Wupp-Wupp" des legendären Lanz Bulldog.

Das Motorrad bekommt man zum Mythos

Genau so legendär wie diese Schleppermarke ist die Motorradmarke, auf die Pollock setzt, beziehungsweise auf der er sitzt: Harley Davidson. "Man kann das Ventilspiel förmlich vor seinem inneren Auge sehen. Das beruhigt", schwärmt der Elektromeister und macht gleich klar: "Wer eine Harley kauft, kauft kein Motorrad, er kauft einen Mythos. Das Motorrad bekommt er dazu."

Ganz billig ist dieser Mythos inklusive Maschine allerdings nicht. Ab 6000 Euro geht es aufwärts. Je älter, dsto teurer. Denn nur die älteren Harleys "singen" noch den originalen "Potato-Sound". Modernere Maschinen dieser Familie sind auch schon technisiert, laufen leiser, laufen runder. Pollock aber, heute 53-jährig, wollte "back to the roots", zurück zu den Wurzeln. Das Heim war gebaut, die Kinder aus dem Haus, etwas Geld über. Vor drei Jahren gönnte er sich zum 50. Geburtstag seine erste Harley. Baujahr 1993 gehört sie zu der jüngeren, noch pflegeleichteren Generation. "Das Einsteigermodell für Harley-Fans", schmunzelt Pollock. Die Maschine ist alltagstauglich, "damit fährt auch meine Frau."

Entsprechend dauerte es nicht lange und auch Angela Pollock war vom Harley-Virus infiziert. Eine zweite Maschine stand also bereits anderthalb Jahre später auf dem Hof. "Baujahr 1967, 340 Kilogramm amerikanisches Eisen", klopft Pollock anerkennend auf den Tank des Motorrades. Der Motor klingt noch uriger, authentischer als das 26 Jahre jüngere Modell und man braucht kräftige Beine. Per Knopfdruck lässt sich dieses Schmuckstück nämlich noch nicht zu lauten Tönen hinreißen.

Diese 67er Harley habe übrigens eine ganz besondere Geschichte, erzählt der Tangerhütter. Es ist eine Polizeiversion und aus den Papieren geht hervor, dass sie einst in der Palastwache des Schahs von Persien stationiert war. Pollock schwingt sich auf das gute Stück, fährt an, betätigt das Fußpedal und lässt so, radbetrieben, die Sirene aufheulen. Heutige Polizeisirenen klingen dagegen wie Katzenjammer. Während Pollock von dem Ungetüm absteigt, kommt die nächste Biker-Weisheit: "Mit einer Harley fährt man nicht, damit erscheint man."

Als Dritte im Bunde der motorisierten amerikanischen Freiheitssymbole gesellte sich vor knapp einem halben Jahr noch eine Harley, Baujahr 1951, hinzu. "Knickrahmen, hart gefedert, 100 Prozent Eisen", blickt Pollock andächtig auf die technische Meisterleistung der Motorradkonstrukteure vor über 60 Jahren. Der "Sound" dieser Maschine hat schon etwas Panzerhaftes an sich. Auch heutige Abgasnormen dürfte sie kaum erfüllen und mit Sprit sollte man auch nicht knausern. In diesem Zusammenhang gibt der Fan den nächsten Szenespruch, einen etwas deftigeren, zum Besten: "Eine alte Harley ist wie ein alter Mann. Sie ist laut, stinkt, säuft und raucht."

... Und sie hat das ein oder andere Altersgebrechen. "Dafür gibt es die Harley-Bibel", nimmt Pollock einen abgenutzten und ölbeschmierten Wälzer in die Hand und der erste Psalm lautet: "A biker´s work is never done!" - "Die Arbeit eines Motorradfahrers ist niemals zu Ende!" Auf 1350 Seiten gibt es Reparaturanleitungen und Ersatzteile für jedes noch so alte Modell. Denn mit einer defekten Harley schnell mal vor der nächsten Werkstatt "zu erscheinen" bringt wenig. Harley baut mit amerikanischen Standardgrößen. Jede noch so kleine Schraube, jedes Werkzeug muss also aus Übersee eingeflogen werden. Ein Notfallset hat Pollock in seinen Satteltaschen. Auch unterwegs geht schnell mal was kaputt.

Pollock hat mit Sicherheit also ein teures Hobby. Um dies zu finanzieren, macht er an anderen Stellen Abstriche und zeigt auf die "Familienkutsche" vor der Tür: Ein fast zwölf Jahre alter Kleinwagen. Ein noch älteres Modell steht in der Garage: Ein "Adler Trumpf Junior", Baujahr 1934. An diesem Oldtimer bastelt der Elektriker schon seit 15 Jahren. "Das ist ein Spleen, genau wie mit den Harleys", lächelt er und macht aber sofort klar, dass es sich in beiden Fällen um kein Geldgrab handelt. Denn weder Oldtimer, noch Harleys leiden unter Wertverlust, im Gegenteil! Im Harleydeutsch: Wer eine Harley kauft, kauft einen Mythos und bekommt ein Motorrad als Geldanlage dazu. Wann steht die vierte Maschine im Stall? Pollock weicht lächelnd aus: "Erst mal möchte meine Frau eine neue Küche."

Im Sommer geht es zum Harley-Dealer

Übrigens heißt es in diesem Jahr für den Tangerhütter: "To the roots", zu den Wurzeln. Mit der Familie fliegt er im Sommer in die amerikanischen Südstaaten, auf Harley-Spurensuche. Seine drei technischen Kraftpakete lässt er zu Hause. Vor Ort werden die Maschinen gemietet.

... Und dann rauf auf die "Route 66"? - "Nee, das macht jeder." Aber einen "Harley-Dealer", einen Harley-Händler, werden sie auf jeden Fall besuchen. "Vielleicht finde ich da ja noch eine Schöne ...", scheint Harley Nummer 4 nicht mehr weit entfernt zu sein.

   

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