Gut 2000 Besucher besichtigen die Mahn- und Gedenkstätte am Veckenstedter Weg pro Jahr. Die Zahlen lassen zu wünschen übrig, so der Museumsleiter. Viele junge Wernigeröder wüssten gar nicht, dass das Gelände Schauplatz für eines der dunkelsten Kapitel der Stadtgeschichte war.

Wernigerode l 4150 Gramm Brot, 677 Gramm Fleisch, 343 Gramm Fett, 70 Gramm Zucker, 3000 Gramm Kartoffeln, zweieinhalb Liter Magermilch - mit dieser Wochenration mussten Zwangsarbeiter 1941 im Arbeitslager am Veckenstedter Weg auskommen. Wenn sie aus dem westlichen Europa stammten. Waren ihre Herkunftsländer Polen oder die Sowjetunion, erhielten sie deutlich weniger. 1942 wurden die Rationen für alle um 50 Prozent gekürzt.

Noch heute wird in Wernigerode an das Schicksal der Zwangsarbeiter erinnert. Auf dem Gelände des einstigen Arbeitslagers befindet sich eine Mahn- und Gedenkstätte. Neben einer Dauerausstellung zur Historie des Lagers und einer kleinen Bibliothek, erhalten Besucher in einer rekonstruierten Baracke Einblicke in den Alltag der Häftlinge. Geleitet wird die Einrichtung von Matthias Meißner.

"Im April 1941 wurde am Veckenstedter Weg mit dem Bau der ersten Baracken begonnen", sagt Meißner. Die Errichtung des Lagers hatte der benachbarte Rautenbach-Konzern beauftragt. "Die ersten Arbeiter kamen freiwillig nach Wernigerode. Sie stammten aus Flandern und Nordfrankreich." Sie seien mit besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen geködert worden. "Sie erhielten Lohn, konnten also ein wenig Geld nach Hause schicken, durften einmal im Jahr in die Heimat fahren." Die Baracken seien damals unbewacht gewesen. Wenn sie nicht arbeiteten, durften sich die Arbeiter frei bewegen. "Gegen 20 Uhr hat der Feldwebel nachgesehen, ob alle in ihren Baracken sind", so Meißner.

"Man nahm ihnen die Papiere ab. Sie durften sich nicht frei bewegen."

Später habe sich die Situation verschärft. Weil Rautenbach die Rüstungsproduktion verdoppelte, ließ man weitere Unterkünfte am Veckenstedter Weg, am Galgenberg sowie 30 Baracken am Ziegenkopf für mehr als 3000 Menschen errichten. In den besetzten Gebieten in Mittel- und Osteuropa wurde die allgemeine Arbeitspflicht eingeführt. Ein Teil der Arbeitskräfte wurde in der dortigen Wirtschaft eingesetzt. Die anderen lockte man zunächst mit falschen Versprechungen ins Deutsche Reich. Später wurde zunehmend zwangsrekrutiert. Auch die meisten Kriegsgefangenen wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt. "Man nahm ihnen sämtliche Papiere ab", sagt Matthias Meißner. "Sie durften sich nicht frei bewegen." Im Lager herrschten menschenunwürdige Bedingungen: Bis zu zwölf Stunden Schwerstarbeit, ständige Überwachung, Strafandrohung und Mangelernährung waren an der Tagesordnung.

Im März 1943 wurde das Zwangsarbeitslager aufgelöst und als Außenkommando des KZ Buchenwald ausgebaut. Die meisten Häftlinge setzte man weiter in den Betrieben des Rautenbach-Konzerns ein, außerdem zum Stollenbau am Galgenberg sowie zu Arbeiten an Bahngleisen und zum Ausbau des Lagers.

Im Dezember 1944 wurde das KZ-Außenlager geschlossen. Die 500 verbliebenen Häftlinge kamen in das neuerrichtete KZ-Außenkommando "Steinerne Renne", wo sie für das Motoren-Zweigwerk und in den Wernig-Werken arbeiteten. Am 10. April 1945 begann von dort aus der Todesmarsch der Insassen. Nur 195 überlebten ihn.

"Ab 1948 wurde das Arbeitslager am Veckenstedter Weg als Altenheim, später als Pflegeheim genutzt", sagt Matthias Meißner. "Viele alte Menschen hatten damals keine Angehörigen mehr, viele Gebäude waren zerstört." Für sie musste eine neue Bleibe gefunden werden. Dennoch sei die Unterbringung in den ehemaligen Häftlingsbaracken primitiv und deprimierend gewesen, sagt Meißner. Die Räume seien nur notdürftig renoviert worden. "Sie haben Tapete über das Holz geklebt. Die Dächer waren undicht." Ab 1972 wurden die Bewohner deshalb auf andere Heime im Kreis verteilt, die letzten wurden 1974 verlegt.

"Am 9. Mai 1975 wurde das Gelände als Mahn- und Gedenkstätte wiedereröffnet." In den Ausstellungsräumen sei die Geschichte der Arbeiterbewegung im Kreis Wernigerode dargestellt. "Ideologisch verfärbt", so Meißner. Auch die Besucherzahlen seien zu DDR-Zeiten geschönt gewesen. "Zu Gedenktagen wurden die Leute zu Tausenden hergefahren." So seien Zahlen von 30 000 Besuchern pro Jahr zu erklären.

"Davon können wir heute nur träumen." 2000 Besucher besichtigen die Gedenkstätte jährlich - nicht einmal 40 pro Woche. Dennoch ist Matthias Meißner zufrieden. "Seit drei Jahren sind die Zahlen relativ konstant." Davor waren sie unter die 1000-Marke gerutscht. Die Besucher seien größtenteils Touristen von außerhalb. Und die Wernigeröder? Ist ihnen die Geschichte ihrer Stadt egal? Interesse sei da, bestätigt Meißner. "Leider wird das Thema Zwangsarbeit in den Schulen ungenügend behandelt." Da sei es kein Wunder, dass viele Wernigeröder nicht wissen, was sich hinter dem Gitterzaun am Veckenstedter Weg befindet.

"Das Thema darf einfach nicht in Vergessenheit geraten."

"Deshalb treten wir an die Schulen heran und stellen die Einrichtung vor." So seien vor einigen Wochen Karten an alle Schulen im Harzkreis verschickt worden mit den Angeboten der Gedenkstätte und Kontaktdaten. "Bisher haben wir allerdings wenige Rückmeldungen." Der Leiter der Gedenkstätte wünscht sich, dass die Menschen wieder mehr Interesse an der Heimatgeschichte entwickeln - auch an den dunkleren Kapiteln. Die Gedenkstätte selbst wollen er, seine Mitarbeiter und die rührigen Mitglieder des Fördervereins zu einem Ausstellungszentrum für Zwangsarbeit ausbauen. "Vielen Leuten ist nicht bewusst, dass im Harz mehr als 500 000 Zwangsarbeiter ausgebeutet wurden." Viele seien gar nicht erfasst, weil sie in der Landwirtschaft arbeiteten. "Das darf einfach nicht in Vergessenheit geraten."