Wernigerode l Müll auf der Straße, Dreck, Gestank und dazwischen verwahrloste Kinder. "Nicht Afrika, nicht Südamerika, sondern mitten in Europa leben die Menschen unter solch skandalösen Lebensumständen", sagt Ludwig Hoffmann. Wernigerodes Ex-Oberbürgermeister (SPD) stockte der Atem, als er das Leid der Bewohner am Dorfrand von Sura Mare in Siebenbürgen erblickte. "Ich war einfach erschüttert."

Dabei war Hoffmann eigentlich nach Rumänien gereist, um seiner Frau Rosemarie die Schönheiten des Landes zu zeigen - die Karpaten, die Klöster an der Moldau, die spätgotischen Kirchen, die barocken Paläste. "Wir waren zehn Tage in Rumänien, sind mehrere Tage mit dem Bus durch den nördlichen Teil des Landes getourt."

Danach hielt sich das Paar noch einige Tage in Wernigerodes Partnerstadt Heltau und in Sibiu (Hermannstadt) auf, um alte Bekanntschaften zu pflegen. Heltau sei ein schönes Städtchen, das sich in den letzten Jahren positiv entwickelt habe. Dort sei vor kurzem ein Sportzentrum eröffnet und um eine Eisarena mit Zeltdach erweitert worden. "Das fand ich in Hinblick auf unsere Pläne in Schierke interessant." Zudem habe er Heltaus Vizebürgermeister Johann Krech einen Brief von Wernigerodes Stadtchef Peter Gaffert (parteilos) übergeben. "Ich habe die Einladung der Stadtverwaltung zum Sachsen-Anhalt-Tag wiederholt." Mit Erfolg, wie es scheint. Vor zwei Tagen hat die Heltauer Delegation zugesagt.

Zudem war es Hoffmann und seiner Frau ein Anliegen, Jenny Rasche zu besuchen. Die Stapelburgerin lebt seit Jahren in Sibiu. 2003 gründete sie den Verein "Kinderhilfe für Siebenbürgen" und setzt sich seither vor allem für die Mädchen und Jungen in den Slums ein. "Sie leitet in Sibiu eine Art Hort, in dem wochentags Roma-Kinder betreut werden und Nachhilfeunterricht erhalten." "Diese Kinder haben oft keinen Schulabschluss", so Hoffmann. Aus mangelnder Bildung würden Armut, Hoffnungslosigkeit, Lethargie und Diskriminierung resultieren. "Ein Teufelskreis." Jenny Rasche helfe den Mädchen und Jungen deshalb dabei, die Schule zu beenden.

Die Hoffmanns besichtigten nicht nur den Hort, sondern auch das Dorf Sura Mare, aus dem die meisten Kinder stammen. "Ich habe zuerst gezögert, weil wir gerade `im feinen Zwirn` von dem Termin mit dem Heltauer Vize-Bürgermeister kamen. Wir hatten keine Angst vor verstörenden Bildern. Aber wir hatten Bedenken, andere Menschen zu `besichtigen`." Im Nachhinein sei Hoffmann sehr dankbar. "Man muss das Elend der Menschen wirklich mit eigenen Augen gesehen haben, um zu begreifen." Dadurch habe er auch verstanden, warum Jenny Rasche den Hort nicht am Dorfrand von Sura Mare, sondern im zehn Kilometer entfernten Sibiu betreibt. "Es ist wichtig, dass die Kinder aus ihrem Lebensumfeld herauskommen - wenn auch nur für kurze Zeit, dass ihnen über Bildung neue Perspektiven und Chancen eröffnet werden."

Eine Lösung aus der Misere habe er nicht, sagt Ludwig Hoffmann. "Aus der sicheren Entfernung, in der wir leben, verbieten sich gute Ratschläge." Wichtig sei, die Aktivitäten zu erhalten, zu verstärken und zu fördern. Er wolle sich dafür einsetzen, dass aus dem Harz weitere Spenden fließen, um die Arbeit von Jenny Rasche und anderen Hilfsorganisationen zu unterstützen. "Ich bewundere diese Frau und das, was sie leistet. Sie und ihr Mann sind der lebendige Beweis dafür, dass es nichts Gutes gibt, außer man tut es."

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