Das Rätsel um das jahrzehntelang verschollene Soldatenkreuz von Drei Annen Hohne ist aufgeklärt. Gustav-Petri-Experte Peter Lehmann erklärt, wie es an seinen Platz neben dem Denkmal gelangt ist.

DreiAnnenHohne l Eines von acht Kreuzen, die 1947 errichtet wurden und seit 1976 verschwunden waren, ist im Herbst 2013 wieder aufgetaucht. Am Gedenkstein für Oberst Gustav Petri am Parkplatz in Drei Annen Hohne, dort wo einst die Rübelandbahn auf einem Damm zum Anschluss an die Harzquerbahn dampfte, stand es eines Tages angelehnt. "Soldat Richard Goedecke" lautet die Aufschrift auf dem Kreuz, dessen unterer Teil abgebrochen ist. Nach einem dreiviertel Jahr sind die Fragen, die sich rund um den geheimnisvollen Fund ranken, geklärt. Ein Anruf aus Goslar brachte Licht in eine lange dunkle Geschichte.

In Russland gefallen

Auf die Veröffentlichung vom 27. Februar 2014 in der Harzer Volksstimme hin meldete sich eine Nichte jenes Richard Goedecke, der 1923 in Sarg- stedt geboren wurde und 1942 in Russland gefallen war. Dort wurde er auch begraben. Sie konnte zwar von Verwandten in und um Wernigerode erzählen und auch davon, dass ein Karl Goedecke in Drei Annen Hohne im Hotel gearbeitet habe, aber über das verschwundene und wieder aufgetauchte Gedenkkreuz wusste sie nichts.

Die Suche nach Verwandten in Wernigerode über das Einwohnermeldeamt und alte Adressbücher blieb ohne Erfolg. An der Pflege der kleinen Kriegsgräberstätte in Drei Annen Hohne, die 1976 durch Umbettung der Gebeine auf den Friedhof in Blankenburg eingeebnet wurde, waren unter anderem Schwestern des Diakonissen-Mutterhauses Elbingerode beteiligt. Deshalb wurde ein Hinweis wichtig: Im Mutterhaus soll einmal eine Schwester Goedecke gelebt und gearbeitet haben. Die Suche in alten Verzeichnissen war jedoch ergebnislos. Eine Schwester mit diesem Namen konnte nicht nachgewiesen werden.

Dann die Überraschung: Anfang Dezember 2014 rief ein Hellmut Kühne aus Goslar-Oker an. Er habe das Buch über Gustav Petri gelesen und erkundigte sich nach dem von ihm in Drei Annen Hohne abgestellten Gedenkkreuz für Richard Goedecke. Ein Gespräch wurde verabredet, bei dem nun die ganze Geschichte dieses Kreuzes zu Tage kam.

Hellmut Kühne, von Beruf Bauingenieur, war lange Zeit in Halberstadt zu Hause. Er liebt den Harz und hat auf zahlreichen Wanderungen fast jeden Steg erkundet, meist zusammen mit seinem Bruder, der schwer verletzt aus dem Zweiten Weltkrieg nach Hause kam.

Besonders hatten es ihm die zahlreichen Kriegsgräber in den Wäldern des Harzes angetan, darunter auch die kleine Anlage bei Drei Annen Hohne. Oft brachte er Blumen mit, die er an den Gräbern ablegte. Dabei sammelte er Informationen über die Grabstellen, trug sie in Karten ein, hat sie vermessen und genau registriert. In diesem Zusammenhang unterhielt er Kontakt mit dem Harzklub, der im Osten Deutschlands verboten war, aber im Westen weiter bestand. Das sollte ihm zum Verhängnis werden.

Da Kühne in Schierke als Zivilangestellter der NVA Unterkünfte baute, erhielt er nach der Einrichtung von Sperrzonen an der innerdeutschen Grenze einen Dauerpassierschein für das Grenzgebiet. Damit hatte er Zugang zum Gedenkstein des Oberharzer Skiklubs für seine gefallenen Kameraden bei Schierke. Er schrieb den Text, der auf dem Denkmal eingelassen war, ab und übertrug ihn auf ein selbstgefertigtes Kreuz, das er auf den Zeterklippen außerhalb des Sperrgebietes einbetonierte.

Verhaftung und Freikauf

Schon bald war dieses Kreuz gewaltsam entfernt worden. Nach einer ähnlichen Aktion 1981 wurde Hellmut Kühne 1982 verhaftet und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wegen "ungesetzlicher Verbindungsaufnahme zum Klassenfeind". Die Deutsche Kriegsgräberfürsorge hatte über die Aktion ausführlich berichtet. Nach zwei Jahren Haft in Brandenburg wurde Kühne von der Bundesrepublik "freigekauft". Er fand eine neue Heimat und Arbeit in Goslar, in seinem geliebten Harzes.

Bei seinen Wanderungen zusammen mit seinem Bruder machte er auch immer wieder Halt bei der 1976 abgerissenen Kriegsgräberstätte in Drei Annen Hohne. Dort standen einmal neben den beiden Gedenkkreuzen für Gustav Petri und Richard Goedecke weitere sechs Kreuze. Alle waren sie verschwunden. Die Umbettungsprotokolle geben keine Auskunft. Nach damaliger politischer Ansicht in der DDR gehörten sie wohl auf den Müllhaufen der Geschichte.

Die aufgelöste Gedenkstätte war lange Zeit noch von Bürgern durch Steine gekennzeichnet worden. Eines Tages, um 1980 herum, war Kühne wieder in Drei Annen Hohne, besuchte die ehemalige Kriegsgräberstätte und entdeckte in einem nahen Graben etwas überwuchert den Rest des Gedenkkreuzes von Richard Goedecke.

Hellmut Kühne nahm das Kreuz mit nach Hause nach Halberstadt, reinigte es, überzog es mit Lack und gab ihm einen Ehrenplatz in seinem Gartenhaus. Bei der Übersiedlung 1984 in den Westen befanden sich in seinem Gepäck auch die Reste des Gedenkkreuzes für Richard Goedecke. Als er wieder den Ostharz besuchen konnte, führte ihn sein Weg auch nach Drei Annen Hohne. Dort stand jetzt ein Gedenkstein für Oberst Gustav Petri unweit der früheren Kriegsgräberstätte. Aber erst 2013 fasste er den Mut, den von ihm im Graben aufgefundenen Teil des Goedecke-Kreuzes dort abzustellen. Er fragte sich, ob es überhaupt dort hingehöre, wo Petri geehrt wird.

Würdigen Platz gefunden

Inzwischen hat Richard Wallit aus Drei Annen Hohne das Gedenkkreuz von 1947 neben dem Gedenkstein für Oberst Petri, dessen Rettungstat für Wernigerode in diesem Jahr am 70. Jahrestag gedacht werden wird, gut befestigt und ihm einen würdigen Platz gegeben.

Die anderen sieben Kreuze, auch das für Gustav Petri, sind wohl unwiederbringlich verloren. Doch dieses eine dort in Drei Annen Hohne erinnert nicht nur, sondern mahnt die Nachgeborenen: Möge niemand mehr lernen, Krieg zu führen und möge es niemals mehr nötig sein, Gedenkkreuze aufzustellen.