Es ist eine beeindruckende Bilanz: Knapp 1000-mal im Jahr gibt der Wernigeröder Mieterverein Hilfestellung in allen Fragen rund um das Mietrecht. Und das seit einem Vierteljahrhundert.

Wernigerode l Die Sektkorken werden am heutigen Tag in der Breiten Straße 45 nicht knallen. Aber ein bisschen Genugtuung dürften Marion Heim-Garreis, Anke Herlt und Gerlinde Jebauer schon verspüren, wenn sie die Bürotür aufschließen. Schließlich wird der Mieterverein Wernigerode heute auf den Tag genau 25 Jahre alt. Er ist damit der älteste in Sachsen-Anhalt. In ganz Ostdeutschland ist nur der in Leipzig älter. 35 Gründungsmitglieder haben in Wernigerode den Verein aus der Taufe gehoben.

Vereinsvorsitzende Heim-Garreis und beiden Angestellten in der Geschäftstelle, Anke Herlt und Gerlinde Jebauer, waren damals noch nicht dabei. Aber welche Probleme die Menschen drückten, das wissen die Drei ganz genau. Es war vor allem die Unsicherheit. Plötzlich stiegen die Mieten, Betriebskosten, zu DDR-Zeiten ein Fremdwort, mussten bezahlt werden, und mancher fürchtete gar um seine Wohnung, weil Alteigentümer Ansprüche anmeldeten. Rat war gefragt - und das von Mitarbeitern, die selbst noch Schulung benötigten. Mietrecht war schließlich für alle Neuland.

Als die Unsicherheiten der Anfangsjahre abgelegt waren, zog eine Modernisierungswelle durch den Landkreis. Wieder waren Betriebskosten das Thema. Nicht jeder Hauseigentümer wusste, welche Umbauten er auf die Miete umlegen durfte und welche nicht, Rat und Hilfe des Mietervereins waren gefragt. Anke Herlt und Gerlinde Jebauer lassen sich in solch einem strittigen Fall den Mietvertrag und die Betriebskostenabrechnungen zeigen, prüfen alles auf Korrektheit und setzen sich mit dem Vermieter in Verbindung. Immer mit dem Ziel, die Angelegenheit friedlich, also ohne Rechtsstreit, beizulegen. Meistens gelingt das. Das ist gut so, schließlich wollen die Menschen weiter in ihren Wohnungen bleiben. Weitere Probleme sind Streitigkeiten wegen Kautions-Rückzahlung und Feuchtigkeit in der Wohnung.

Und noch etwas: Seit einiger Zeit beobachtet Anke Herlt verstärkt Kündigungen wegen Eigenbedarfs. Die haben ihre Ursache in einem anderen Problem, das die Wernigeröder derzeit umtreibt. Es gibt zu wenig bezahlbaren Wohnraum in der Stadt. Das hat Folgen nicht nur für diejenigen, die eine Wohnung suchen, sondern auch für Mieter. Bei Neuvermietungen steigen die Preise deutlich an. Damit haben die Hausbesitzer die Möglichkeit, die Bestandsmieten anzupassen, also zu erhöhen. "Die Mietpreisbremse könnte dem einen Riegel vorschieben", meint Heim-Garreis. Diese am Donnerstag vom Bundestag beschlossene Regelung sieht vor, dass bei einem Mieterwechsel die neue Miete maximal zehn Prozent über dem ortsüblichen Niveau liegen darf.

Dieses Niveau zu ermitteln, ist kompliziert, doch es gibt eine Möglichkeit: "Wir würden einen Mietspiegel für Wernigerode unterstützen", sagt Anke Herlt. Dieses Thema wird in der Stadt seit einiger Zeit diskutiert. Kommende Woche beraten Sozial- und Wirtschaftsausschuss darüber. Anke Herlt ist als Fachfrau dazu eingeladen, das erste Mal übrigens.

Ab und zu gebe es zwar Anfragen aus der Politik, doch "wir würden uns wünschen, dass wir öfter um Rat gefragt werden". Auch mit der KoBa, der kommunalen Beschäftigungsagentur des Landkreises, gebe es keine Zusammenarbeit, obwohl viele Hartz-IV-Empfänger Mietprobleme und deshalb Beratungsbedarf hätten.

Bilder