Die Fangemeinde von "Wiesel", "Berlin" oder "Troll" hat sich erstmals zu drei Fahrten durch den Harz in Blankenburg getroffen und wurde überall bewundert. In Benneckenstein tauschten sie die Rollerlenker mit dem Steuerknüppel eines Panzers.

Blankenburg. Vor 50 Jahren noch waren sie im Straßenbild der DDR ganz normal, die legendären Stadtroller "Pitty", "Wiesel", "Berlin", "Troll 1" oder der Einrad-Anhänger "Campi" aus dem VEB Indus-triewerk Ludwigsfelde (IWL). Doch als einige davon am Wochenende durch den Harz rollten, richteten sich alle Blicke auf sie, staunten selbst moderne Zweiradfreaks über die wundervollen Schmückstücke. "Unsere Interessengemeinschaft (IG) will die historischen Fahrzeuge erhalten, interessierte Rollerliebhaber aller IWL-Modelle technisch und informativ betreuen", erläuterte Organisator André Dzewas. Dazu gehören auch gelegentliche Treffen wie dieses erste im Harz. "Den Chef des Naturfreundehauses in Blankenburg kenne ich gut." Das vereinfachte dem gebürtigen Magdeburger und Neu-Hamburger die Quartiersuche.

In den 1960er Jahren fanden in knapp zehn Jahren rund 240000 Roller, darunter jeweils rund 57000 "Wiesel" und "Troll 1" aus dem Werk südlich von Berlin, den Weg auf die Straßen. Heute weiß niemand so genau, wie viele noch existieren. "Bestimmt lungern sogar noch einige in Schuppen oder Scheunen", vermutete Andreas Mattheka aus der Nähe von Magdeburg, der mit seinem erst kürzlich erworbenen Trabant P 60 - "einem der ersten aus dieser Reihe und noch alles original" - die Ausfahrten durch den Ostharz begleitete. "Dieser Trabi stand auch 20 Jahre verstaubt herum, wurde nicht bewegt und funktionierte trotzdem sofort wieder."

Zwar fehlte im Harz einer von den gut 11000 ab 1955 in Serie gegangenen "Pittys", aber der Magdeburger Mirko Eichner bewies mit seinem "Wiesel", wie zuverlässig die alten Stadtroller noch heute sind. Allerdings schonten viele ihre Lieblinge, brachten sie lieber auf Hängern oder im Kleintransporter mit. Nicht so Henning Piekert und Klaus Paetow. Der eine startete in Bad Oldesloe auf seinem "Berlin" mit "Campi", der andere in Bad Bramstedt mit einem "Troll". Die über 300 Kilometer lange Anreise vom Norden führte über Landstraßen in den Harz. "Autobahn geht nicht, ist viel zu gefährlich", kennen die Rollerfahrer wegen Spitzengeschwindigkeiten ihrer Gefährte weit unter 100 km/h die Gefahren: "Ein Lkw - und du bist weg." An die 90 km/h hätten die "Trolls" aber geschafft. Layk Kotzasapakis reizt seinen Roller aber nicht mehr bis zur Grenze aus.

Unschwer zu erkennen war auch, dass der ab 1959 auf dem Markt gekommene "Berlin", meist in Zweifarblackierung, nicht nur der Lieblingsroller, sondern mit fast 114000 Stück auch der meistverkaufte war, ob mit oder ohne Campi-Anhänger. Letzterer war eine echte Rarität, nur 5700 wurden damals produziert. Doch manchmal ist er mit Glück auch günstig zu bekommen: "Nur fünf Mark hat er gekostet, gleich nach der Wende", berichtete Familie Bachmann aus Gräfenhainichen, die damit ihren Berliner Roller ergänzten. "Den haben wir schon seit 1972 in unserem Besitz und er war seitdem immer auf uns zugelassen", erzählten sie stolz.

Als 1964 der letzte "Troll" vom Band lief, weil danach auf die Lkw-Produktion des W 50 umgestellt wurde, übernahmen immer mehr die Simson-"Vögel" aus Suhl die Herrschaft auf der Straße - doch das ist eine andere Geschichte. Schönste Modelle des ostdeutschen Zweirad-Fahrzeugbaus sind für die Fans des IWL-Forums, so nennt sich der Freundeskreis, natürlich nur die Ludwigsfelder. Sie behaupten sogar von sich, in ihrem Hobby roller-verrückt zu sein. Statt daran zu verdienen, sammeln sie lauter Teile.Und Helfer, um aus den Teilen für das alle zwei Jahre stattfindende Treffen am Entstehungsort Ludwigsfelde, einen neuen Roller zusammen- zubauen. Der soll dort 2012 für einen guten Zweck versteigert werden. "Die Kosten, zum Beispiel für die Lackierung, decken wir durch den Verkauf unserer erstmals produzierten 150 Kalender. Wir planen schon eine größere Neuauflage, denn die erste ist restlos ausverkauft", erklärte Dirk Reinert aus Halle. Der Kalender könne aber noch unter iwl-kalender.de angeschaut werden.

Als Ablenkung vom Pflegen, Restaurieren und Fahren mit den traditionsreichen Fahrzeugen besuchten die Roller-Lenker in Benneckenstein das DDR-Fahrzeugmuseum und mussten unbedingt auch einmal den Steuerknüppel der ehemaligen NVA-Panzer in die Hand nehmen. "Es war einfach toll", schwärmte Dzewas. Er will wiederkommen.

www.iwl-stadtroller-berlin.de