Schierkes evangelische Gemeinde hat eine Rettungsaktion für die Orgel ihrer Bergkirche gestartet. Die Königin der Instrumente kann nur noch "röcheln" und ist deshalb 2009 gänzlich verstummt. Beistand finden die Initiatoren bei Dr. Wolfram Syré und seiner Gattin Andrea Illgen-Syré. Das Ehepaar will mit einer Konzertreihe Geld für die Sanierung des Instruments einspielen.

Wernigerode/Schierke. "Wenn wir jetzt nicht anfangen, dann bleibt es noch 20 Jahre so", sagt Christiane Hopstock. Schierkes Bürgermeisterin engagiert sich auch im Gemeindekirchenvorstand. Neben dem Rathaus ist die Bergkirche das Wahrzeichen des Ortes. Sie spielt im von der Wernigeröder Stadtverwaltung ersonnenen Entwicklungskonzept für Schierke eine wichtige Rolle. Die größte Sorge der Christen gilt seit langem der Orgel des Gotteshauses. Die amtierende Kirchenratsvorsitzende Dr. Irmgard Rau wehmütig: "Bis Weihnachten vor einem Jahr ist sie noch gespielt worden." Ihre Vorstandskollegin Lieselotte Neujahr wirkt ebenfalls traurig. Denn nach diesem Schlussakkord schien das Schicksal für die Königin der Instrumente besiegelt zu sein. Bis jetzt.

Dr. Wolfram Syré ist Konzert-Organist, Cembalist und Musikwissenschaftler. Mit Gattin Andrea Illgen-Syré hat er zuletzt zehn Jahre in Norwegen gelebt. Jetzt wohnen sie in Clausthal-Zellerfeld und sind durch viele schöne Urlaubstage seit Jahren eng mit Schierke verbunden. Der Plan mit der Orgelsanierung in der von 1876 bis 1881 im Auftrag von Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode aus Granit errichteten neogotischen Bergkirche treibt sie seit langem um.

Erbaut wurde das Instrument zur selben Zeit, berichtet Syré. Es stammt aus der Hausneindorfer Werkstatt des gebürtigen Halberstädters Adolf Reubke (1805 – 1875). Mit Sohn Emil (1836 – 1884) hatte dieser sein Handwerk seit 1860 gemeinsam ausgeübt.

"Die Orgel röchelt nur noch", beschreibt der Experte den aktuellen Zustand. Zum Beweis versucht er, ihr eine Melodie zu entlocken. Wolfram Syré: "Man hört nur jeden zweiten Ton."

Die Ursache dafür liegt in zwei Umbauten begründet. Zunächst hatte die Firma Ladegast das ursprünglich mechanische Instrument 1922 auf eine pneumatische Funktionsweise umgestellt. Der Lübecker Betrieb Kemper war es schließlich, der die romantische Orgel 1938 in eine barocke "verwandelte". Gerade letzteres mit fatalen Folgen. Syré: "Sie lässt sich nicht mehr pflegen, weil es zu eng geworden ist." Pfeifenwerk und Gehäuse sind zwar in Ordnung, aber die inneren Verschleißteile sind ramponiert. Um diese auszuwechseln, müssten große Teile des Orgelaufbaus demontiert werden, da das Instrument mit den Anbauten "zugebaut wurde". Zudem zersetzt vom Kirchturm ziehender Wind alle Dichtungen, da er feuchter und kälter ist als die Luft im Gotteshaus.

"Sie lässt sich nicht mehr pflegen"

Die Rettung der klingenden Kostbarkeit will Familie Syré in zwei Schritten bewältigen. Zunächst soll sie so repariert werden, dass sie wieder gespielt werden kann. Bereits nach Ostern wird ein befreundeter Orgelbauer aus der Nähe von Würzburg die etwa zweiwöchige und rund 5000 Euro teure Reparatur in Angriff nehmen. Die Hälfte davon wollen Wolfram Syré und Andrea Illgen-Syré vorschießen. Ihr Geld möchten sie mit einer Konzertreihe wieder einspielen. Alle Spenden, die statt Eintritt anschließend eingehen, sollen in die weitere Sanierung des Instruments fließen. Der Künstler: "Meine Vision ist die Erweiterung zu einer guten Konzertorgel." Der finanzielle Aufwand dafür "liegt sicher nicht unter 50 000 Euro".

Zum Auftakt der "Schierker Abendkonzerte" soll am Pfingstsonnabend, dem 12. Juni, um 18 Uhr nach dem Gottesdienst eingeladen werden. Alle zwei Wochen folgen dann Auftritte verschiedener Künstler mit knapp einstündigen Programmen. Bis zu 250 Zuhörer könnten ihnen lauschen. Christiane Hopstock und ihre Mitstreiterinnen im Gemeindekirchenvorstand wollen die Bewohner des Brockenortes zu Spenden aufrufen. Die Bürgermeisterin: "Wir werden jetzt alle Schierker persönlich anschreiben."

Der neue Wohlklang der alten Orgel könnte übrigens noch eine nette Aufwertung erfahren. Für Pfingstsonntag hat sich im Dorf ein Hochzeitspaar aus Norwegen angekündigt. Vielleicht kann die Trauung ja in der Kirche vollzogen werden. Mit Livemusik von der Empore.Übrigens

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