Wernigerode ( pa ). Bei minus 15 Grad steht er nackt auf dem Appellplatz. Es ist 5 Uhr, und schon seit einer Stunde ist er wach. Gerade ist Appell, um 6 Uhr marschieren alle zur Arbeit. Nach zwölf Stunden Schufterei geht es zurück ins Lager. Wieder ein Appell. An schlechten Tagen dauert er die ganze Nacht. " Zwischendurch immer wieder Selektionen ". So schildert Felix Kolmer seinen Alltag als Häftling und Zwangsarbeiter im Konzentrationslager Auschwitz.

Der Förderkreis der Gedenkstätte am Veckenstedter Weg hatte ihn eingeladen, am Mittwoch von seinem Leben im Lager zu berichten. " Heute kaum vorzustellen ", sagt er über die Peinigung. " Zum 60. Jahrestag der Befreiung im Januar 2005 war ich nochmal dort, und selbst mit einem Pelz habe ich furchtbar gefroren ", so der 87-Jährige. Diese Quälerei musste er mit einer Tagesration von 300 Kalorien überstehen. Ungefähr soviel wie ein Brotkanten mit zwei Scheiben Wurst.

1940 hatte man ihn deportiert. Er war einer der ersten in Theresienstadt, kam später in das Vernichtungslager Auschwitz und überstand die Selektion. " Hier herrschte immer Stille. Jeder wusste, selbst Sprechen würde zu viel Kraft kosten ", sagt Kolmer. " Die brauchte man für die Zwangsarbeit ", so der Ex-Gefangene.

Eines Tages sollte er in die Gaskammern, schaffte es aber, sich unbemerkt aus dem Zug zu schleichen und stieg in einen anderen. Der brachte ihn ins KZ Friedland, von wo er floh und den Krieg überlebte.

Vor zehn Jahren war er bei den Verhandlungen für die Zwangsarbeiterentschädigung dabei. 4 000 Euro hat jeder von ihnen bekommen. Felix Kolmer war froh darüber, dass die deutsche Industrie damit Verantwortung zeigte, schränkt aber ein : " Ich finde nicht schlimm, dass es wenig ist, sondern weil es für mehr als vier vergeudete Jahre steht. "