Das Haus in der Wernigeröder Kochstraße 23 gehörte bis dato nicht gerade zu den Sehenswürdigkeiten der bunten Stadt am Harz. Gerade dies ist es aber, weil etwa 200 Jahre älter als bisher angenommen und mit einer für Wernigerode einmaligen architektonischen Besonderheit ausgestattet.

Wernigerode. " Es gab keine Unterlagen. Deshalb war das Alter unbekannt und das Haus stand nicht einmal auf der Denkmalliste ", sagt Ulrich Ellenberg. Um so größer dann die Überraschung.

Als die Holzverschalung fiel, hatte sich die bisherige Annahme, erbaut in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, urplötzlich erledigt. Der Sachverständige für Holzschutz : " Es ist garantiert 200 Jahre älter. " Im einstigen Handwerkerviertel Wernigerodes muss sich damals ein gutbetuchter Meister sein Heim in einer Lücke zwischen zwei bereits vorhandenen Gebäuden errichtet haben, ist Ellenberg überzeugt. Auf den Reichtum des Besitzers deuten die Andreaskreuze und die geschwungenen Rauten im Gebälk hin. Gerade letztere sind hier eher selten, sondern mehr in Süddeutschland zu finden.

Den Zustand des von einer alten Dame bewohnten und dann etwa ein halbes Jahr leerstehenden Gemäuers bezeichnet der Experte als schlimm. So sind die Wände beispielsweise durch undichte Fenster wie ein Schwamm mit Wasser vollgesogen worden. Ein ideales Milieu für Nassfäulepilze. Sie fraßen sich geradezu dankbar in die Substanz hinein. Ellenberg : " Das Fachwerk muss leider zu 60 Prozent ersetzt werden. " Bei dem überwiegend aus Fichtenholz bestehenden Gebälk ist die Situation glücklicherweise, abgesehen von einigen durch Nagetiere verursachten Schäden, aber weit weniger dramatisch. Deren Köpfe und die Saumschwelle sind nicht von irgendeinem Befall betroffen.

Ist das Äußere der Kochstraße 23 schon bemerkenswert, so birgt ihr Inneres Erstaunliches. Ulrich Ellenberg : " Wir haben eine sogenannte Dippeldecke gefunden. " Die Existenz einer solchen Balkenkonstruktion ohne jegliche Fugen ist bislang in Wernigerode einmalig, weiß der Fachmann auch aus seiner 25-jährigen Erfahrung als Stadtführer heraus.

" Das Fachwerk muss leider zu 60 Prozent ersetzt werden "

Gut ein halbes Jahr wird die Rettung des etwa 50 Quadratmeter großen Hauses dauern. Dabei müssen auch " Fachwerksünden " aus DDR-Zeiten beseitigt werden. Ellenberg zeigt einfach an die Wand genagelte Knaggen mit tragenden Balken drauf und eine für die Verbreiterung des Flurs entfernte Giebelwand. Zum Hof hin erhielt die historische Substanz in den 50 er oder 60 er Jahren zudem eine improvisierte glatte Oberfläche.

Bauherr ist Frank Kramer aus Aulich. Der gebürtige Halberstädter hat damit nach der Kochstraße 41 sein zweites Wernigeröder Fachwerk-Projekt in Angriff genommen. Auch in diesem Gebäude sollen Ferienwohnungen eingerichtet werden. " Das ist eine sehr schöne Aufgabe ", möchte Kramer darüber auf Volksstimme-Nachfrage nicht viele Worte verlieren. Es bereitet ihm eigenem Bekunden nach einfach Spaß. Häuser wie diese hätten es verdient, vor dem Verfall bewahrt zu werden, betont der 51-Jährige.

In jeder Hinsicht fachgerecht und liebevoll saniert.