Wolmirstedt ( cl ). Warum früher jedes Mitglied der Evangelischen Kirchengemeinde seinen eigenen Stuhl hatte, wieso Orgelpfeifen eingeschmolzen und aus Zink nachgebaut wurden, warum ein Ofen im Gotteshaus gefährlich sein kann und wo man in einer Appelkiste wohnte – all das und noch viel mehr erfuhren die Teilnehmer der Kirchenwanderung am Mittwochabend.

Zum letzten Mal in diesem Jahr hatten Anette Pilz und Jörg Bonewitz zu einem abendlichen Spaziergang durch die Stadt eingeladen, und 30 Interessierte waren dem Ruf gefolgt. Verstärkt wurde das Duo auf dieser Tour nicht von Sebastian Filipp, sondern von Andreas Deimling. Der Lindhorster, der gerade als Krankheitsvertretung im Museum arbeitet, übernahm die verantwortungsvolle Aufgabe, den Versorgungs-Bollerwagen über Stock und Stein durch die Stadt zu ziehen.

Erster Halt der Tour war die Evangelische Katharinenkirche. Zeitgleich mit dem Wolmirstedter Kloster gegründet, wurde das Gotteshaus in den Jahren um 1860 zu klein für die vielen Gläubigen. 1876 erfolgte der Abriss, und in nur 18 Monaten wurde eine neue Kirche gebaut, die man am 1. Advent 1877 einweihte. Nicht der Krieg, sondern ein Großbrand, der durch einen Ofen ausgelöst wurde, zerstörte die Kirche am Heiligen Abend 1973. Nach umfangreichen Umbauarbeiten wurde das Gotteshaus in der Form, wie man es heute kennt, 1981 wieder eingeweiht. 1989, kurz vor der Wende, wurde die Orgel angeschafft. Auf diesem beeindruckend großen Geburtstagskind gab Kreiskantor Gerhard Noetzel den Kirchenwanderern dann noch eine kleine Kostprobe.

Eine Kostprobe der ganz anderen Art – nämlich Schmalzstullen mit Gurke – gab es für die Rundgänger auf dem Weg zur Katholischen Kirche, wo Karl-Josef Grau die Gruppe empfing. Der Kirchenbau und die Gestaltung des Innenraumes seien bewusst schlichter, als man es aus anderen Gotteshäusern kenne, erklärte Grau den Zuhörern. Viele von ihnen kannten aber die Kirche und deren Umgebung noch aus früheren Zeiten. Deshalb gab es nur wenig Unwissende, als Grau eine Anekdote von der " Appelkiste " zum Besten gab. So nannte man vor langer Zeit eine Gemarkung in der Nachbarschaft der Katholischen Kirche. Auch Karl-Josef Grau ließ es sich nicht nehmen, den Gästen der Kirchenwanderung etwas auf der Orgel vorzuspielen, so wie er es mehrere Jahrzehnte lang regelmäßig im Gottesdienst getan hatte.

Nächster Halt der Gruppe war vor der früheren Synagoge in der Ganggasse, von wo aus man als letzte Station die Neuapostolische Kirche ansteuerte. Seit fast 21 Jahren hat die Gemeinde in der Friedensstraße eine Heimstatt für ihren Glauben gefunden, errichtete das Gotteshaus in finanzieller Eigenleistung und unzähligen freiwilligen Arbeitsstunden. Die Neuapostolen sind eine christliche Religionsgemeinschaft, ihre geistlichen Führer sind die Apostel. Einer davon – Jens Korbien – aus Dessau, war am Mittwoch beim Gottesdienst in der Wolmirstedter Gemeinde zu Gast und beantwortete geduldig die Fragen der neugierigen Besucher. Mit dem Gesang des Gemeinde-Chores endete nach fast vier Stunden der letzte Kirchenrundgang in diesem Jahr.

Es war im Jahr 2004, als Anette Pilz bei einer nächtlichen Führung durch Magdeburg auf die Idee kam, so etwas auch in Wolmirstedt anzubieten. " Wenn vielleicht zehn Leute kommen, dann bin ich schon zufrieden – dachte ich vor der ersten Führung ", erinnert sich die Museumsleiterin. Doch gleich zum ersten Termin kamen 45 Interessierte, und so viele sind es noch heute bei fast jeder Tour. Mit Jörg Bonewitz hat Anette Pilz einen erfahrenen Kirchenführer an der Seite, " ohne den das alles nicht möglich wäre. "

Neben der Kirchenwanderung bietet das Museum auch eine Nachtwanderung rund um die Domäne sowie eine Führung durch Elbeu an. Neu im Programm ist eine Fahrradtour, die von Auerbachs Mühle über den jüdischen Friedhof, die Zuckerfabrik, am Mittellandkanal entlang zur Hildagsburg und durch das Küchenhorn führt. Wer jetzt Lust hat, seine Heimat einmal ganz anders zu erkunden : " Im Mai geht es wieder los !", verspricht Anette Pilz.