Vom LPG-Klubhaus zur hochverschuldeten Immobilie

Die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (P) "Völkerfreundschaft" errichtete 1978 mitten in Lindau ein Clubhaus. Hier feierten die Landwirte alljährlich Feste, trafen sich zu Versammlungen. Im großzügigen und für damalige Verhältnisse hervorragend ausgestatteten Gebäude war eine Gastwirtschaft eingerichtet, es gab ein kleineres "Jagdzimmer" für Versammlungen sowie einen großen Saal. Auch der Lindauer Karnevalclub "Grün-Gold" hatte hier seine Prunksitzungen. Das Haus wurde vom Gastronom Klaus Karle bewirtschaftet.

Der Wende und der Auflösung der LPG folgte der Verkauf. Die Immobilie sowie das nebenstehende Wohnhaus wurde an den Unternehmer Bernd R. Oberst verkauft, der hier gehobene Gastronomie etablieren wollte. Dies fand keine ausreichende Resonanz. Zugleich wurde der Saal zum "schwarzen Loch", wie die Lindauer das Gebäude seither bezeichnen. Alle Fenster wurden geschwärzt und verhängt, es drang kein Lichtstrahl mehr in den Saal.

Der Inhaber verließ Anfang der 1990er Jahre die Gegend und blieb unauffindbar. Die Immobilie wurde verpachtet, die "Disco-Ära" mit ihren allwöchentlichen Beschwerlichkeiten begann. Auch diese Nutzung scheiterte. Noch in den 1990er Jahren gingen im Voyage die Lichter aus - bis heute. Mittlerweile ist das Saal-Dach undicht, es soll einen Wasserschaden durch Rohrbruch gegeben haben. Auch das nebenstehende Wohnhaus verfällt zusehends.

Seit dem Verschwinden des Besitzers wachsen die Lasten des Grundstücks. Neben kommunalen Steuern und Abgaben lasten auch offene Forderungen aus früheren Investitionen auf dem Grundstück.

Zerbst l Hunderte Seiten füllen die Akten, die vor Birgit Hencke von der Sparkasse Wittenberg auf dem Tisch liegen. In den Unterlagen zum Grundstück Leopoldstraße 4 und 6 in Lindau befinden sich unter anderem Fotos aus den Tagen, als Gaststätte und Diskothek Voyage Anfang der 1990er Jahre noch florierten.

Birgit Hencke sitzt am Donnerstagvormittag mit Rechtspflegerin Kathrin Koczian im Saal 4 des Zerbster Amtsgerichts, einem nüchternen Raum in der ersten Etage. Einziger Wandschmuck ist eine Uhr über der Tür. Die Zeit spielt bei einer Zwangsversteigerung eine große Rolle.

Nur für einen kurzen Moment sind die Frauen nicht allein im Saal 4. Ein Ehepaar, das nach eigenen Angaben die Lindauer Gaststätte gern besuchte und wissen möchte, was aus dem Komplex wird, geht wieder, als bis zum offiziellen Beginn um 10 Uhr kein Bieter eingetroffen ist.

Darauf verlassen kann man sich nicht. Auch noch wenige Minuten vor Ende der Bietstunde kann ein Interessent den Saal betreten und sein Angebot abgeben. Das ist alles schon passiert. "Wir wissen nie, wie ein Termin ausgeht", erklärt Rechtspflegerin Koczian.

Immerhin hatten sich im Vorfeld bei der Sparkasse Wittenberg Interessenten nach dem Lindauer Klubhaus erkundigt.

Um 10.07 Uhr hat Kathrin Koczian in der flotten Sprechweise einer Versteigerung alle Formalien abgearbeitet und kann zur Abgabe von Geboten auffordern. Die Bietstunde, die entgegen ihres Namens nur 30 Minuten dauert, beginnt. Zuvor hatte die Rechtspflegerin die beiden Schuldner namentlich genannt und das Bestandsverzeichnis vorgestellt. Gläubigerin über einen sechsstelligen Betrag ist die Sparkasse Wittenberg. Zudem fehlen seit Jahren in der Zerbster (vorher Lindauer) Stadtkasse die Grundsteuern, Straßenausbaubeiträge, hinzu kommen die Säumniszuschläge. Der Verkehrswert des knapp 3 000 Quadratmeter großen Grundstücks mit Gaststätte, Saalbau und Heizhaus beträgt 10 000 Euro, das Mindestgebot wird auf rund 10 500 Euro festgesetzt. "Keine Rechte bleiben bestehen", trägt Kathrin Koczian vor. Das heißt, derjenige, der den Zuschlag erhält, bekommt ein lastenfreies Grundstück, wie der Fachbegriff lautet.

Schluss und Neustart

Um 10.32 Uhr beantragt Birgit Henke die einstweilige Einstellung des Verfahrens. Rechtspflegerin Kocziak bestätigt das und verkündet, dass das Verfahren nur auf Antrag fortgesetzt wird. Den Antrag stellt die Vertreterin der Wittenberger Sparkasse sofort. Mit dem nächsten Termin ist vermutlich Ende des Jahres zu rechnen.

Da bis dahin die Forderungen wachsen, wird auch das neue Mindestgebot etwas höher als am Donnerstag liegen.

Dass kein Gebot abgegeben wird, ist nicht ungewöhnlich. Der erste Zwangsversteigerungstermin am Donnerstagmorgen am Zerbster Amtsgericht verlief ähnlich. Für die beiden Grundstücke mit Mehrfamilienhaus und Parkfläche in Zerbst fand sich ebenfalls kein Bieter.

Vorwiegend Grundstücke und Eigentumswohnungen werden am Zerbster Amtsgericht zwangsversteigert. Im vergangenen Jahr kamen 41 neue Verfahren dazu, 2012 waren es 35. Nicht in jedem Fall kommt es zu einer Zwangsversteigerung. Möglich ist auch, dass sich im Vorfeld ein Käufer findet oder doch eine gütliche Einigung zwischen Schuldner und Gläubiger gefunden wird.

Zwangsversteigerungen sind öffentlich. Wer sehen möchte, wie ein Termin abläuft, kann sich einfach in den Saal setzen.

Gebot im Auge behalten

Wer bieten möchte, muss wissen, wie viel Geld er bereit ist, auszugeben und darauf achten, ob das Grundstück lastenfrei ist oder nicht. Neben den Terminen der Zwangsversteigerungen im Amtsgericht hängt ein Kasten mit einem Informationsblatt für Bietinteressenten, das vom Verkehrswertgutachten über die Sicherheitsleistung bis zum Zuschlag die wichtigsten Eckpunkte einer Zwangsversteigerung erläutert.