Am 30. Mai 1990 konstituierte sich der erste demokratisch gewählte Zerbster Stadtrat nach der Wende. Mit Werner Bressel, Klaus-Dieter Scharrmann und Detlef Schrickel sind drei Stadträte von Anfang an mit dabei.

Zerbst l "Für uns alle war es absolutes Neuland." Wenn Werner Bressel, Klaus-Dieter Scharrmann und Detlef Schrickel über die ersten Jahre im Zerbster Stadtrat sprechen, gleicht dies einer Zeitreise. Die heutigen Parteien gab es zum Teil noch nicht. Werner Bressel und Klaus Scharrmann saßen in der LDPD-Fraktion, Detlef Schrickel zog mit der SDP in den Stadtrat ein. "Da saßen zum Beispiel aber auch der DFD (Demokratischer Frauenbund Deutschland), die Bauernpartei und die Volkssolidarität drin", erinnert sich Werner Bressel.

Seit 24 Jahren ist der Zerbster bereits Stadtratsmitglied, hat nicht eine Stadtratssitzung seitdem verpasst. "Nur einmal bin ich eine Stunde zu spät gekommen", erinnert sich Werner Bressel. "Damals tagten wir ja noch im alten Rathaus, wo heute die Bartholomäischule drin ist." Selbst der heutige Bürgermeister Andreas Dittmann war damals im Stadtrat vertreten. Detlef Schrickel war der Stadtratsvorsitzende. "Erlebt haben wir da schon was", sagt Bressel und muss lächeln. Beispielsweise hätten Abgeordnete aus Protest die Abstimmung verlassen, es wurde auch ambitioniert diskutiert. "Aber Tumulte gab es keine."

Zu Beginn, erinnert sich Bressel, habe es viele einstimmige Beschlussfassungen gegeben. "Aber im Laufe der Jahre kamen mehr Nein-Stimmen hinzu. Auch das war ein Lernprozess", meint er. 1990 zog Werner Bressel nicht nur in den Stadtrat, sondern auch in den Kreistag ein. "Ich finde es gut, wenn gestandene Stadträte ihre kommunalpolitischen Erfahrungen an die neuen Stadträte weitergeben", sagt Werner Bressel. Auch deshalb kandidiert er erneut für einen Stadtratssitz.

Detlef Schrickel strebt ebenfalls eine weitere Amtszeit im Zerbster Stadtrat an. 30 Jahre alt war er, als er 1990 in den Stadtrat gewählt wurde. "Nach der Bürgermeisterwahl war Helmut Behrendt anfangs noch ehrenamtlich als Stadtoberhaupt tätig", erinnert sich Schrickel. Folglich brauchte der Stadtrat auch einen Vorsitzenden. Der stellvertretende Bürgermeister Gustav Tomas und Helmut Behrendt sprachen Detlef Schrickel darauf an, dieses Amt zu übernehmen. "Ich hab`s gemacht, viele Jahre lang."

"Es war interessant, spannend, teilweise abenteuerlich."

Detlef Schrickel

Während der heutige Stadtratsvorsitzende weitestgehend Versammlungsleiter ist, war 1990 diese Funktion noch stärker darauf angelegt, Verbindungsglied zwischen Verwaltung und Stadtrat zu sein. "Ich bin damals als Vertreter des Bürgermeisters beispielsweise nach Russland, Frankreich und Polen gereist", erinnert sich der heute 55-Jährige. Repräsentative Aufgaben gehörten in der Anfangszeit mit dazu. Vom Überreichen der Europa-Fahne bis zur Ausstellungseröffnung in Nürtingen oder dem Aufbau und der Pflege der Städtepartnerschaft mit Puschkin. "Ich weiß noch, wie wir zur russischen Vertretung nach Leipzig fahren mussten, um ein Visum für Russland zu erhalten. Heute kaum denkbar."

Detlef Schrickel hat ein Wort für diese Jahre: Aufbruchszeit. "Man ist mit ganz anderen Voraussetzungen und Wünschen an die Arbeit gegangen, als das heute passiert. Es war interessant, spannend, teilweise abenteuerlich." Und man sei engagierter und auch risikobereiter gewesen. "Das Wort Kommunalaufsicht kannten wir damals gar nicht", erzählt Detlef Schrickel. Wichtiger seien die Berater aus den alten Bundesländern gewesen, die mit ihrem Know-How hier den Aufbau demokratischer Strukturen unterstützt haben. "Wir hatten auch deutlich mehr Freiheiten", fügt Schrickel hinzu. Magdeburg sei mit sich beschäftigt gewesen, die Gesetzgebung war noch im Aufbau. Doch auch schon damals gehörte es zum Amt des Stadtrates dazu, sich in Ausschüssen und den Gremien der kommunalen Betriebe zu engagieren. "Dazu gehört es auch, sich fortzubilden und in die Thematik einzuarbeiten", betont Detlef Schrickel.

Diese Bereitschaft vermisst er heute bei manchen Stadträten. "Die Funktion eines Stadtrates ist bei manchen wohl mehr eine Prestigefrage", so Schrickel. Gleichzeitig sei für den Bürger der Stadtrat heute weniger interessant. "Früher war klar zu sehen, wer steht wofür. Heute ist es zu ruhig, manchmal ist es eine Schmuseeinheit", sagt Schrickel. Positionierungen der Fraktionen zu Themen außerhalb von Wahlkampfzeiten seien heute eine Seltenheit. "Damals war das nicht so. Abwasser, Straßenausbau, Windparks - im Rathaus hingen die Plakate von Bürgerinitiativen aus. Es gab auch Streitgespräche. Und heute: Ich kann mich nicht erinnern, wann zuletzt ein Beschluss nicht durch den Stadtrat durchkam."

Detlef Schrickel möchte all diese Erfahrungen nicht missen und sie erneut in den Stadtrat einbringen. "Ich finde es nicht schlecht, wenn ein paar Fossilien in diesem Gremium sitzen."

Für Klaus-Dieter Scharrmann ist nach 24 Jahren Schluss im Stadtrat. Er tritt nicht noch einmal an. Kurz vor seinem 71. Geburtstag sagt er: "Da müssen Jüngere ran. Stadtrat ist kein Hobby, dafür ist die Verantwortung zu groß." Allerdings hat er auch Verständnis für Altgediente wie seinen Fraktionskollegen Werner Bressel, der wieder ins Gremium einziehen möchte.

Jahrelang war Klaus-Dieter Scharrmann Vorsitzender des Vergabeausschusses. Dass stets der wirtschaftlichste (also billigste) Anbieter den Zuschlag erhalten musste und nicht die Zerbster Firma gewählt werden konnte, die vielleicht mit einer kleinen Differenz auf dem zweiten Platz gelandet war, ärgerte ihn sehr. "Wir wollten doch die Zerbster Unternehmen unterstützen."

Insgesamt zieht er jedoch ein positives Fazit seines kommunalpolitischen Engagements: "Es gibt nichts zu bereuen". Wenn ihn Leute als Stadtrat ansprechen, dann wollen sie oft persönliche Dinge geklärt haben. Das funktioniert nicht immer. Oftmals sähen Bürger nur ihr eigenes Anliegen, aber nicht das große Ganze - das wiederum die Stadträte im Blick haben müssen.

Die Fraktionsarbeit der FDP lobt Klaus-Dieter Scharrmann. Dort würden sämtliche Themen erörtert. Ziel sei es, einheitlich abzustimmen. Einen Fraktionszwang gebe es jedoch nicht. Für Klaus-Dieter Scharrmann als ehemaligen Schulleiter waren besonders Schulschließungen ein schwieriges Thema. "Manchmal haben die sich auch logisch ergeben, aber es betrifft so viele Kinder und Eltern ..."

Als jüngste Aufregerthemen hat er die Schweinemastanlage auf dem Flugplatz ("Da haben wir jetzt ein ganz vernünftiges Konzept") und die Windkrafträder ("Anfangs waren wir generell dagegen, aber die Zeit hat uns spätestens nach dem Atomausstieg nach Fukushima etwas anderes gelehrt") im Kopf. Schwer getan habe er sich mit der Gebietsrefrom. "Die Riesenstadt Zerbst hängt über die Elbe hinten dran", sagt Klaus-Dieter Scharrmann. Ein Kreis Anhalt mit der Stadt Dessau wäre besser gewesen. Auch als Einheitsgemeinde seien die Kernstadt und ihre Ortschaften noch nicht hundertprozentig zusammengewachsen. Er habe Verständnis, dass die Ortsbürgermeister sich für ihre Ortschaften einsetzen, "aber wir sind auch eine große Gemeinschaft".

Ohne den Stadtrat werde er "plötzlich mehr Zeit haben", die er unter anderem in den Förderverein Wasserturm investieren wolle.

 

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