Die Aufnahme vom zerstörten Zerbster Rathaus, das wir unlängst beim Heimatfotorätsel suchten, hat bei einigen Lesern nostalgische Erinnerungen an den einstigen Prachtbau geweckt. Vor allem der Verbleib der gotischen Backsteingiebel beschäftigte sie.

Zerbst l Gleich im Eingangsbereich des Museums der Stadt befinden sich zwei Ornamentplatten vom gotischen Westgiebel des Zerbster Rathauses. "Vermutlich sind sie noch farblich gestaltet gewesen", erklärt Hans-Jürgen Friedrich. Zu sehen sind biblische Szenen. Plastisch dargestellt und noch gut erhalten, ist das Salomonische Urteil, während die alttestamentarische Szenerie vom Tanz ums goldene Kalb beschädigt ist. Darüber hängt ein Aquarell von Paul Jünemann von 1956, das den Rathausgiebel in seiner einstigen Pracht zeigt. Einige Ziersteine und Fragmente von Figuren wie ein "geköpfter" Melanchthon sind ebenfalls in der Dauerausstellung zu sehen. Andere lagern im Fundus.

Ab 1380 nahm das Rathaus als Zeichen bürgerlicher Macht auf dem Marktplatz Gestalt an. Aus jüngerer Zeit stammten die beiden künstlerisch wertvollen gotischen Backsteingiebel auf der Ost- und Westseite des eindrucksvollen Gebäudes - 1479 und 1481 hat sie der Magdeburger Hans-Schmidt geschaffen. Bei der Neugestaltung der Fassade 1610 verschwanden die zwei äußeren Segmente auf der rechten Seite des Westgiebels, wie Hans-Jürgen Friedrich erläutert.

Der Dachstuhlbrand am 13. Juni 1891 verursachte schwere Schäden am Rathaus. Die Ausschreibung zum Wiederaufbau gewann der Architekt und Begründer der Anhaltischen Bauschule in Zerbst, Robert Schmidt. "Er war ein Kind seiner Zeit", erklärt der langjährige Museumsleiter mit Blick auf die detailreich gestaltete Fassade. Vor allem jedoch ließ er die fehlenden Teile des Westgiebels wieder ersetzen. Den Auftrag erhielt der Bildhauer Emanuel Semper - ein Sohn von Gottfried Semper, des Architekten der Semperoper in Dresden.

Bei den Luftangriffen der US-Truppen auf Zerbst am 16. April 1945 blieb das Rathaus nicht verschont. "Die Backsteingiebel standen nach der Bombardierung noch", erzählt Hans-Jürgen Friedrich. Ende der vierziger Jahre wurden sie abgetragen und eingelagert - zunächst in den Kellerräumen der Ruine des Neuen Hauses auf dem Markt. Genaue Dokumentationen gibt es nicht. Auch ist unklar, ob die Überlieferung stimmt, dass Kinder oder Jugendliche in die Kellerräume eingedrungen und die Terrakottafiguren mit Eisenstangen kaputt geschlagen haben. Auf alle Fälle weisen die noch existierenden Ornamentplatten und Statuen deutliche Schäden auf oder sind nur als Fragmente erhalten. Hans-Jürgen Friedrich erinnert sich, dass um die Wendezeit mal alle Steine in den Lichthof des Museums gebracht und die Platten soweit wie möglich zusammengesetzt wurden. Eine Restaurierung sei allerdings nicht möglich, bedauert er mit Blick auf das gebrannte Material.

Ein Teil der Giebelelemente befindet sich heute im Museum. Weitere lagern gegen Vandalismus und vor Witterung geschützt im Schloss.

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