Eine feste Struktur im Alltag - das sei, was junge Menschen brauchen. Viele der Kinder, die Rainer Schnelle als Leiter des Geschwister-Scholl-Heimes in Obhut nimmt, leben zum ersten Mal in einem festen Gefüge aus Regeln. Und können sich zum ersten Mal auf die Zuneigung der Erwachsenen verlassen.

Zerbst l Mittwochs ist Großreinigung. Sorgfältig faltet Henry seine rot-schwarze Trainingsjacke zusammen. Der ganze Stolz des achtjährigen Fussballers landet ordentlich im Schrank. Den teilt Henry sich mit Viertklässler Sascha. Der Neunjährige macht noch schnell das Bett. Und breitet darüber eine große Deutschlandflagge aus. "Weil wir Weltmeister sind." Henry und Sascha haben die erste Nacht gemeinsam im Zerbster Geschwister-Scholl-Heim auf der Breite verbracht. Ein Zuhause für die Kinder, die nicht in ihren eigenen Familien aufwachsen können.

Als Heimleiter Rainer Schnelle nachhakt, ob das gut geklappt hat, legt Sascha liebevoll seinen Arm um Henry. "Ging alles gut, wir haben nur noch zum Einschlafen ein bisschen gequasselt." Henry strahlt. Er sei erst ganz neu dort. Im Nebenraum bereitet Annette Günther das Mittagessen vor: Kartoffeln und Poreegemüse. Elf Kinder sitzen täglich mit ihr an dem großen Holztisch. "Wenn ihnen das Essen gut geschmeckt hat, bin ich glücklich, hier mäkelt eigentlich keiner", sagt die Hauswirtschafterin.

"Ich will sehen, wo das Geld ankommt."

Landrat Uwe Schulze

Den Tisch decken die Kinder selbst, Zimmer aufräumen und Wäsche vorssortieren auch, zählt Leiter Rainer Schnelle auf. "Da könnte ich ja sogar noch was lernen", erklärt Landrat Uwe Schulze mit einem Schmunzeln. Er ist am Mittwoch zu Gast beim Albert-Schweitzer-Familienwerk. "Ich will mir ansehen, was in der Praxis mit dem Geld vom Landkreis passiert und gucken, wo es hakt", begründet Schulze seinen Besuch.

Der Duft von frisch gebratenem Jägerschnitzel zieht durch das Treppenhaus. Vorbei an bunten Kinderfotos, selbstgemalten Kunstwerken, einem Portrait von Albert Schweitzer und den Geschwistern Scholl sprintet Jenny in die zweite Etage und hängt sich an das Bein des Heimleiters. "Du gehörst doch hier gar nicht hin", sagt Schnelle im freundlichen Ton. Die Erklärung der Grundschülerin kommt prompt: "Aber ich darf kurz zum Spielen."

Denn Jennys Brüder leben auf der zweiten Etage im Heim. Vor den Türen hängen in bunten Rahmen Portraitfotos der Bewohner. Jenny hat ihr Zimmer im Dachgeschoss. Der Schreibtisch ist aufgeräumt. In der Ecke steht das Hochzeitsfoto ihrer Eltern. Beide taubstumm. Ein wenig beherrsche Jenny die Gebärdensprache, erzählt Peggy Müller-Pryk. Die 42-jährige Erzieherin und Heilpädagogin hat Dienst im Dachgeschoss. Gemeinsam mit dem zehnjährigen Robby paniert sie die Jagdwurst für das Mittagessen.

Der Fünftklässler ist der Hobbykoch im Haus und brät anschließend konzentriert die dicken Wurstscheiben. Fünf Jahre lebt Robby bereits im Geschwister-Scholl-Heim. Einmal im Monat besucht er seine Eltern, jeden Freitag ruft er sie an. Zwei mal pro Woche geht Robby zum Tischtennis. Unter der Woche ist er um 20 Uhr im Bett, am Wochenende um 21 Uhr.

"Die Kinder brauchen einen geregelten Tag."

Peggy Müller-Pryk, Erzieherin

"Die Kinder brauchen einen strukturierten Ablauf, nach der Schule können sich alle entspannen, dann gibt es Mittag, danach ist Hausaufgaben-Zeit", zählt Müller-Pryk auf. Das Heim ist eine Einrichtung des Albert-Schweitzer-Familienwerkes Sachsen-Anhalt. Und dessen Geschäftsführer Jürgen Geister zeigt dem Landrat, welches Projekt als nächstes ansteht. "Wir müssen hier im Dachgeschoss unbedingt sanieren, doch die Elektrokabel in so einem alten Haus anzufassen, ist immer ein schwieriges Thema." In diesem Moment sprinten die Kinder an ihm vorbei - denn Robby serviert die Jägerschnitzel.

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