Zerbst (hro) l Der Erste Weltkrieg, die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", begann vor 100 Jahren. Im Museum der Stadt Zerbst beschäftigt sich noch bis zum 5. Oktober die Sonderausstellung "Heimat im Krieg 1914/18" mit diesem Ereignis. Im Rahmenprogramm zur Ausstellung präsentierte in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung am Sonnabend in der Aula des Gymnasiums Francisceum der Autor, Rezitator, Sänger Burkhard Sondermeier sowie Pianist Ulrich Raue ein gut zweistündiges "Lesekonzert" mit dem Titel "2014 - ein Weltkrieg wird Hundert".

"Es geht uns nicht um Schuldzuweisungen. Wir möchten die Unmenschlichkeit jeden Krieges am Beispiel des Ersten Weltkrieges deutlich machen", erklärt Burkhard Sondermeier. Einer Revue gleich, jedoch mit ernstem und mahnendem Charakter, wurden ganz verschiedene Szenen, Ereignisse, Betrachtungen, Erinnerungen sowohl in Prosa wie auch in Gedichtform und ebenfalls als Lied, Song oder Couplet vorgetragen. Dabei "bedient" sich das Programm literarischer Zeitzeugen.

"Verortungen" im Teil I sind Wien und Berlin. Burkhard Sondermeier liest mit variabel eingesetzter Stimme unter anderem Texte aus "Die letzten Tage der Menschheit" des österreichischen Schriftstellers Karl Kraus (1874-1936). Mit dieser "Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog" aus 200 auf wahren Quellen beruhenden Szenen macht er die Unmenschlichkeit und Absurdität des Krieges deutlich. Im nahe gehenden Gedicht "Die Raben" schildert Kraus, dass auf dem Schlachtfeld mit den "unbegrabenen" Soldaten "die Raben immer Nahrung noch gefunden" haben.

Kriegslüsternheit wurde im Couplet "Ich bin ein Deutscher" satirisch angegriffen. Die schlimmen sozialen Auswirkungen werden in "Das tuberkulöse Kind" schonungslos aufgezeigt.

Ulrich Raue spielte mit meisterlicher Art zwischen den Texten zunächst zwei längere Auszüge aus "Geschichten von Strauss" des österreichisch-amerikanischen Komponisten Ernst Wolfgang Korngold (1897-1957), der zu den Vertretern der Moderne zählt. Im zweiten Teil mit Schwerpunkt Belgien und Frankreich kamen Kompositionen von Emile Wesly und Charles Camille Saint-Saëns zu Gehör. Als Lied mit Klavierbegleitung hörten die leider nur sehr wenigen Gäste das Chanson "Birbi" über ein brutales Kriegsstraflager. Die über 500 Jahre alte Schrift von Erasmus von Rotterdam "Süß scheint der Krieg den Unerfahrenen" ist von fast erschreckender Aktualität. Ebenso las Burkhard Sondermeier Auszüge aus persönlichen Kriegstagebüchern der belgischen Schriftsteller Stijn Streuvels, Karel van de Woestijne und Ernest Claes.

Die beiden Konzertteile schlossen die Künstler mit zwei sehr bekannten Liedern. "Zogen einst fünf Schwäne" wurde Ende des Ersten Weltkrieges von der Jugendbewegung aufgegriffen, 1935 von den Nationalsozialisten verboten und Ende der 1970er Jahre von der Friedensbewegung wieder gesungen. Den Abschluss bildete das Chanson "Sag mir, wo die Blumen sind", 1955 von Pete Seeger geschrieben und unter anderem bekannt durch Marlene Dietrich, Hildegard Knef und Hannes Wader.

Mit herzlichem Beifall bedankten sich die Gäste bei den beiden Künstlern.