Das Albert-Schweitzer-Familienwerk plant, seine Kapazitäten in seinem Kinder- und Jugendheim in Lüttgenziatz zu erweitern. Dazu soll auf dem weitläufigen Grundstück des umgenutzten Gutshauses in Lüttgenziatz ein Einfamilienhaus neu errichtet werden.

Lüttgenziatz l Seitens des Ortschaftsrates von Hohenziatz, zu dem Lüttgenziatz gehört, gab es in der zurückliegenden Sitzung grünes Licht für das Bauvorhaben. Die Entscheidung wird jedoch zunächst an den Bauausschuss der Stadt weitergereicht. Im Ortschaftsrat ging es zunächst um die sogenannte planungsrechtliche Absicherung des Bauvorhabens.

Es gehe jetzt um einen Grundsatzbeschluss, erklärte die Möckeraner Bauamtsmitarbeiterin Daniela Sandkuhl den Ratsleuten. Sie erläuterte Art und Umfang des Projektes. Angedacht ist, den Neubau links der bestehenden Einfahrt zum Grundstück zu errichten, und zwar unter Berücksichtigung des vorhandenen Baumbestandes. Das anvisierte Grundstück liegt etwas tiefer und soll eine eigene Zufahrt erhalten. Der bestehende Flächennutzungsplan für Lüttgenziatz sieht eine solche Nutzung an der Stelle auch vor, wenngleich das Landschaftsschutzgebiet angrenzt.

Auf die Stadt Möckern kommen der Bauamtsmitarbeiterin zufolge keine Planungskosten zu, jedoch wird die Verwaltung Zuarbeiten leisten müssen. Das Bauvorhaben dürfte nach derzeitiger Einschätzung anderthalb Jahre in Anspruch nehmen.

Statt bisher 27 künftig 35 Betreuungsplätze

Von der ersten Überlegung, ein leerstehendes Wohnhaus in unmittelbarer Nachbarschaft zu beziehen, war man wieder abgekommen, weil die Immobilie den Anforderungen nicht gerecht werde.

Es gehe um zusätzliche acht Betreuungsplätze, damit erhöht sich die Kapazität des Heimes von 27 auf 35 Heimplätze. In dem Haus erfolgt die heilpädagogisch-therapeutische Betreuung von Kindern und Jugendlichen ab sechs Jahre, führte die Heimleiterin Kerstin Gläser aus. Zum Teil werden die Kinder an einer eigenen kleinen Schule auf dem Gelände unterrichtet. "Zunehmend kommen Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren zu uns zu uns, die nicht mehr in ihr Elternhaus zurückkehren werden, sondern bis zu ihrem 14. oder 18. Lebensjahr hier im Haus bleiben", so Kerstin Gläser.

Besonders für diese Kinder sei es schwer, mitzubekommen, dass andere Kinder nach einer gewissen Zeit Lüttgenziatz wieder verlassen können. Die räumliche Trennung durch den Neubau solle helfen, den Langzeit-Heimkindern einen unbelasteten Alltag zu geben.

Auch sei das Gutshaus trotz seiner Ausmaße zuletzt oft an seine Kapazitäten gestoßen. Heimleiterin Kerstin Gläser gibt die Gruppenstärken mit neun bis zehn Kindern an. "Die Gruppen sollen künftig kleiner werden", erklärt sie. Verbunden mit der zusätzlichen Wohngruppe sollen auch zusätzliche Arbeitsplätze sein.

Im Haupthaus gibt es derzeit noch viele Doppelzimmer, was heutzutage aber nicht mehr Standard sei. In dem Neubau sollen acht Kinder ein Zuhause finden, die Erzieher haben hier ebenfalls Räume: Büros sowie Wirtschafts- und Schlafzimmer. Absprachen mit dem Landesjugendamt habe es zu dem Bauvorhaben gegeben.

In der Vergangenheit gab es Beschwerden im Ort

Seitens des Hohenziatzer Ortschaftsrates bestand Einigkeit, dass man das Vorhaben befürwortet. Es wurde aber auch daran erinnert, dass das Familienwerk seinen Verpflichtungen nachzukommen habe: Es müsse dafür gesorgt werden, dass im Ort kein Anlass zu Beschwerden bestehe. In der Vergangenheit hatten Heimbewohner für Sachbeschädigung und Belästigungen im Ort gesorgt. Heimleiterin Gläser bestätigte, dass das Klientel in den vergangenen Jahren schwieriger geworden sei. Sie bat um schnelle Hinweise, wenn es Anlass zu Klagen gebe.

Schon vor der Wende Heimstandort

Ein Kinderheim gab es in Lüttgenziatz schon vor der politischen Wende. Damals waren es aber Zwei- bis Sechsjährige, erinnert sich der Hohenziatzer Ortsbürgermeister Holger Blumhagel. Heute leben im ehemaligen Gutshaus Kinder und Jugendliche mit verschiedenen Verhaltensauffälligkeiten, Traumatisierungen und emotionalen Störungen, Entwicklungsproblemen oder seelischen Behinderungen. Therapeutische, heilpädagogische, kreative, sportliche und handwerkliche Zusatzangebote unterstützen, spezifisch auf das einzelne Kind zugeschnitten, den strukturierten pädagogischen Gruppenalltag, heißt es auf der Internetseite des Albert-Schweitzer-Familienwerkes.

In zwei lerntherapeutischen Klassen werden Schulverweigerer beziehungsweise Kinder und Jugendliche mit Lernschwierigkeiten schrittweise wieder an das Lernen in der öffentlichen Schule herangeführt. Auch die Familien der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen werden in die pädagogische und therapeutische Arbeit einbezogen. In der Außenwohngruppe in Möckern sollen Jugendliche die für ein selbständiges Leben notwendigen lebenspraktischen Fähigkeiten und Fertigkeiten trainieren.

Das Albert-Schweitzer-Familienwerk Sachsen-Anhalt ist ein anerkannter freier Träger der Jugendhilfe mit rund 400 Mitarbeitern. In Angeboten im stationären, teilstationären und ambulanten Bereich werden nach Vereinsangaben 685 junge Menschen betreut.