"Du bist spitze!" Acht Kandidaten bewerben sich um den Titel "Lokalmatador 2010". Den Sieger ermitteln einzig die Volksstimme-Leser mit dem Abstimmungs-Coupon. In den nächsten Wochen stellen wir alle Kandidaten mit ganz persönlichen Geschichten vor. Heute: Dr. Ljuba Schmidt aus Dessau.

Reuden. Dr. Ljuba Schmidt ist ein optimistischer Mensch, der lächelnd jede Hürde nimmt. Das Wort "aufgeben" existiert nicht im Sprachschatz der gebürtigen Russin. Mit viel Herzblut und einer gehörigen Portion Zuversicht stürzt sie sich als Vorsitzende des Vereins Hilfe für Tschernobylkinder in Brjansk in die Projekte. "Niemals kam der Gedanke ans Aufhören", blickt die 65-Jährige zurück. "Es ist wie in einer Ehe. Es gibt immer mal Probleme, aber man wirft nicht gleich hin", zieht sie den Vergleich.

Seit 1969 ist Ljuba Schmidt mit einem Mann verheiratet, der ihr stets den Rücken stärkt und tatkräftig mit anpackt. "Er übernimmt viel", berichtet die promovierte Philologin. Die Bohrgeräusche im Hintergrund bestätigen ihre Aussage. Während seine Frau im Speiseraum des Kinderbauernhofs das Interview gibt, beweist Hans-Peter Schmidt sein handwerkliches Geschick.

Denn an dem zweigeschossigen Gebäude ist immer etwas zu tun. Da der Verein nicht über die nötigen Mittel für eine Generalinstandsetzung verfügt, ist er auf Sachspenden und Mithilfe angewiesen. Deshalb geht die notwendige Sanierung eben nur schrittweise voran. "Ich hatte gehofft, dass wir schneller vorankommen", gesteht die 65-Jährige. Zugleich ist sie äußerst dankbar für die Unterstützung, die das Projekt bislang deutschlandweit erfahren hat. Nach und nach verwandelt sich das schlecht erhaltene Reudener Forsthaus so seit 2004 in eine gemütliche Herberge, in der eines Tages größere Gruppen untergebracht werden können. Ljuba Schmidt bezeichnet das ungewohnte Vorgehen gern als "geplante Planlosigkeit".

Ein Vorbild ist für sie Mutter Mariam. Die 82-Jährige baut in Russland seit Jahren ein altes Kloster auf. "Bei ihr schöpfe ich immer wieder Kraft für unser Reudener Projekt", verrät die Vereinsvorsitzende. Erst kürzlich schaute Ljuba Schmidt bei ihr vorbei. Mitte Januar reiste sie für eine Woche nach Brjansk. Zu der südwestlich von Moskau gelegenen Stadt hat die 65-Jährige eine besondere Verbindung - sie wurde dort geboren. Zwar ist Dessau längst ihre neue Heimat geworden, doch der Kontakt zur alten riss nie ab.

Vor allem nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 kehrten ihre Gedanken verstärkt nach Brjansk zurück, über dem man die radioaktive Wolke zum Abregnen gebracht hatte. "Daher kam diese Kontaminierung wie in der 30-Kilometer-Zone", erläutert Ljuba Schmidt. Sie schildert, wie sie zusammen mit Bekannten die Region 1989 besuchte und sie kurz darauf die erste Gruppe nach Deutschland holten. Hilfskonvois folgten und 1992 die Gründung des Vereins durch neun Mitglieder - auch heute sind es nicht mehr. "Wir haben klein angefangen mit großen Aufgaben", bemerkt die Vorsitzende. Dabei lässt sie die Freunde des Vereins nicht unerwähnt, auf die sie seit Jahren zählen können.

Nur so war es möglich, die vielen Projekte zu realisieren, die Waisenhäuser oder auch die Tuberkulosekinderklinik in Brjansk auf vielfältige Weise zu unterstützen. Nicht zu vergessen sind die organisierten Erholungsaufenthalte. Zehn bis zwölf Aktionen mit jeweils bis zu 40 Kindern im Jahr hätten sie damals durchgeführt, erzählt Ljuba Schmidt. So entstand auch die Idee für den Kinderbauernhof.

Im September 2004 brachten dann tschetschenische Terroristen mehr als 1100 Kinder und Erwachsene in einer Schule in Beslan in ihre Gewalt. Bei dem Geiseldrama starben über 300 Menschen, noch mehr erlitten Verletzungen und psychische Traumata. "Wir wurden angesprochen, ob wir helfen können", erinnert sich die 65-Jährige, wie sie sich fragte, wie der Verein das schaffen soll. Doch einmal mehr siegte ihre Einstellung, nicht irgendetwas von Anfang an abzulehnen. Auch dürfe man nie jemanden die Hoffnung nehmen, findet sie. "Ich kann es versuchen", antwortet Ljuba Schmidt deshalb, wenn sie um Hilfe gebeten wird. "Ich habe niemals jemanden etwas versprochen, weil es Wege sind, die man nicht abschätzen kann", erklärt sie.

Im Fall von Beslan gelang es. "Wir waren die ersten in Deutschland, die eine Gruppe mit 25 Müttern und Kindern mit schweren Verletzungen hergeholt haben", ist die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes stolz auf die fünfwöchige Aktion, für die sie Bischof Huber und die evangelische Kirche Berlin-Brandenburg gewinnen konnten. Vier weitere solcher humanitären Aktionen schlossen sich an. "Dann war es vorbei, aber für die Beslaner ist es längst nicht vorbei", weiß Ljuba Schmidt und ergänzt: "Wir planen jetzt jede Aktion von null." Sie skizziert, wie schwierig es ist, solche Aufenthalte zu organisieren, eine Unterkunft zu finden, die Verpflegung sicher zu stellen - der Verein kann das selbst nicht leisten. So müssen Leute gefunden und überzeugt werden. Und nicht immer gibt es Zusagen.

Doch von Rückschlägen lässt sich die Vereinsvorsitzende nicht entmutigen. "Was soll man aufzählen, was alles nicht geklappt hat? Es hat viel geklappt und das zählt", betont Ljuba Schmidt. Das bekam sie auf ihrer Reise nach Brjansk erst wieder bestätigt. "Man merkt, dass die Unterstützung wichtig war und gleichzeitig bringt man so viele neue Ideen mit. Dann muss man wieder arbeiten und setzt sich um 8 Uhr ans Telefon und schreibt Briefe", erläutert die zierliche Frau mit der scheinbar unendlichen Energie ihre Motivation. "Und dass mein Mann all die Jahre mitmacht, ist schon sehr, sehr wichtig. Er stand immer dahinter", sagt Ljuba Schmidt, die noch viele Projekte plant. Dazu fühlt sie sich einfach verpflichtet.