Die Evangelische Landeskirche Anhalts lud erstmals zu einer literarischen Pilgerwanderung auf dem Lutherweg ein. Die Route führte von der Zerbster Bartholomäi-Kirche über die Gesangbuchkirche Luso bis nach St. Marien in Roßlau.

Luso l Bei strahlendem Sonnenschein nähert sich ein munteres Trio flinken Schrittes der gelben Backsteinkirche von Luso. Vogelgezwitscher empfängt die Frauen, die lächelnd innehalten, den Blick schweifen lassen und kurz verschnaufen. Sie kommen gerade zu Fuß von Zerbst, dem Startpunkt der literarischen Pilgerwanderung, die die Anhaltische Landeskirche vorgestern veranstaltet. Die Route erstreckt sich über den Lutherweg, der die Wirkungsstätten Martin Luthers und Orte der Reformation miteinander verbindet.

Auftaktstation am Sonnabendvormittag ist St. Bartholomäi. Zwei Teilnehmerinnen begrüßt Pfarrerin Karoline Simmering zu der Premiere. Wie sie erläutert, soll die erstmals organisierte Tour geistige Impulse geben, zu Gesprächen anregen und zugleich zur Erkundung des Lutherweges und seiner sakralen Schmuckstücke animieren. "Ich habe das Angebot auf dem Schreibtisch gefunden und gedacht, da läufst du mal mit", sagt Dagmar Martin. Die 57-Jährige schildert, dass sie Gemeindesekretärin in Sprotta ist, einem kleinen Ort nahe dem sächsischen Eilenburg. "Ich wandere viel", erklärt sie, dass sie die Idee einer literarischen Pilgertour reizte.

Auch Kornelia Klaus aus dem westelbischen Wulfen war gespannt, was sie da wohl erwartet. "Ich pilgere seit zwei Jahren gern", erzählt die 50-Jährige, wie sie aus einer Krankheit heraus Ruhe und Besinnung sucht. Mit dem Pilgern entflieht die Köthener Stadtführerin dem Alltagsstress. "Man muss einfach mal abschalten", hat sie gelernt. So ist Kornelia Klaus dabei, den insgesamt 410 Kilometer langen Lutherweg abzuwandern. Die Strecke von Aken bis Bernburg kennt sie bereits. Am Sonnabend entdeckt sie nun in sympathischer Begleitung den Abschnitt zwischen Zerbst und Roßlau für sich. "Die ganze Ecke hier hat mich mal interessiert", bemerkt die 50-Jährige während der Rast in Luso.

Wie an den anderen beiden Stationen halten die drei Frauen zunächst eine Andacht ab. Für das gemeinsame Lied greifen sie einfach zu einem der zu dutzenden in den hölzernen Bankreihen ausliegenden Gesangbücher. Aus verschiedenen Epochen stammen die gesammelten Bücher, die aus dem neoromanischen Gotteshaus eine Themenkirche gemacht haben. Dagmar Martin ist von der Gesangbuchkirche begeistert. "Die Idee ist toll", findet sie. Kornelia Klaus kann ihr nur zustimmen.

Unterdessen berichtet Karoline Simmering, dass in dem 1891 errichteten Backsteinbau längst keine Gottesdienste mehr stattfinden. Zu klein ist die Kirchengemeinde inzwischen. Allerdings sollte das sakrale Kleinod nicht ungenutzt in einen Dornröschenschlaf verfallen. So entstand das Konzept der Gesangbuchkirche, die als eine der "Entschlossenen Kirchen" im Kirchenkreis Zerbst täglich geöffnet Vorbeikommende zum Eintreten und Verweilen einlädt.

Ihre Einkehr nutzen die drei Pilgerinnen ebenfalls für einen Imbiss. Frisch gestärkt setzen sie ihre Wanderung schließlich fort. St. Marien in Roßlau ist ihr nächste Ziel, das sie nach einer längeren Etappe erreichen. Dort endet die gut 16 Kilometer umfassende Tour, auf der die Frauen verschiedene literarische Texte begleiten. Karoline Simmering zitiert unter anderem aus Werken des Theologen Jürgen Moltmann sowie des Kabarettisten und Schriftstellers Hanns Dieter Hüsch.

Am 12. Mai wird erneut zur literarischen Pilgerwanderung auf dem Lutherweg von Zerbst über Luso nach Roßlau eingeladen. Anmeldungen nimmt Andreas Janßen telefonisch unter (0340) 21677217 oder (0176)12526528 entgegen.

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